»Ach du mein lieber Gott!« rief da das Mädchen, während ihr die Thränen aus den Augen stürzten, »ich kann ja nichts dafür – ich bin ja wahrhaftig unschuldig, wenn ich es mir auch gedacht habe, daß das Unglück noch geschehen würde.«
Rodwell war leichenblaß geworden. Er zitterte so, daß er sich an Tolmer halten mußte, nicht umzusinken. Nur sein stierer Blick bohrte sich an dem Mädchen fest, das ihr Antlitz in den Händen barg und laut und heftig schluchzte.
»Was ist vorgefallen, Betsey?« sagte er endlich mit leiser, vollkommen tonloser Stimme – »wo ist – mein Weib – mein – Kind?«
»Fort!« stöhnte da das Mädchen, »oh du lieber Gott, fort – fort – Beide!«
»Die Schlange!« hauchte Rodwell, und Tolmer sprang zu und hielt ihn, denn er sah, wie der starke Mann in die Knie brach, und glaubte, daß er zu Boden stürzen würde. Aber der Unglückliche raffte sich mit fast übermenschlicher Kraftanstrengung wieder empor, und Tolmers Arm ergreifend, schritt er mit diesem langsam seiner eigenen Stube – der seines Weibes zu.
Langsam und nur zögernd folgte das Mädchen den beiden Männern mit dem Lichte, und Rodwell's umherschweifender Blick hatte rasch auf dem dunklen Tisch ein kleines zusammengefaltetes Billet erkannt. Er nahm es hastig auf und wollte es erbrechen, hielt aber plötzlich wieder an, legte es auf den Tisch, und sich daneben in das Sopha werfend, sagte er mit ruhiger, fester Stimme:
»Erzähle mir, was hier vorgefallen ist, Betsey. Ich brauche Dich nicht zu ermahnen, mir die lautere Wahrheit zu sagen. Wenn Du einst selig zu werden hoffst, sprich und mache mich mit Allem bekannt, und sei es das Schrecklichste.«
Das Mädchen konnte vor heftigem Schluchzen kaum reden, nach und nach aber brachte Tolmer, der seine ganze Ruhe behielt, und von Anfang an schon ziemlich ahnte, was hier vorgegangen, Alles, wenigstens was Betsey wußte, aus ihr heraus.
Capitain Howitt – Rodwell griff bei dem Namen fest und krampfhaft in die Lehne des Sophas – war während seiner Abwesenheit oft – alle Tage im Haus gewesen – zu früher und später Stunde, und hatte viel und heimlich mit »Mistreß« gesprochen. Wenn er fort war, hatte Mrs. Rodwell manchmal geweint, aber er sei immer wieder gekommen, und gestern Abend seien sie mitsammen im Garten spazieren gegangen. Gestern Abend sei auch der Capitain zum ersten Mal in einem Boot gekommen, und Mrs. Rodwell habe gesagt, sie wolle ein wenig damit in die Bay hinausfahren. Sie – Betsey – habe das nicht zugeben wollen, und gemeint, es sei schon zu spät, Mistreß aber wäre darauf bestanden, und mit dem Kind im Arme und Capitain Howitt an der Seite in das Boot gestiegen. Wie sie darin gewesen, habe die Mistreß noch eine Flasche Milch für das Kind verlangt, wenn es etwa unruhig werden solle, dann seien sie mit Mr. Rodwell's Knecht, der sonst die Pferde besorgt, hinaus in die See gefahren – immer weiter, bis es dunkel geworden und sie das Boot nicht mehr habe erkennen können. Dann sei sie aufgeblieben und habe bis zwölf Uhr in der Nacht gewartet, daß sie zurückkehren sollten – aber sie kamen nicht – weder Frau noch Kind kehrten zurück, und als sie im Zimmer das Briefchen an den Herrn da auf dem Tische gesehen, da habe sie auch das Schlimmste schon gewußt, und sich die Augen fast aus dem Kopf geweint vor Scham und Weh.
»Es ist gut, Betsey,« sagte da Rodwell, und winkte ihr mit der Hand, hinauszugehen. »Zünde das Licht dort drüben an und laß uns dann allein.«