»Sie kam mit ihrem Mann und einem Träger von Osten her,« erwiderte der alte Mann. »Ihre Pferde waren ihnen im Busch abhanden gekommen, wie sie sagten, und der Mann wollte die Frau nur nach Cap Borda bringen, und dann zurückkehren, sie zu suchen.«

»Sein Name war –?«

»Lieber Gott, wir fragen die Leute, die zu uns kommen, nicht nach ihrem Namen; aber ich dächte, ich hätte den Mann schon vor einigen Wochen einmal an Cap Borda gesehen. Ich glaube, sie nannten ihn dort Howitt!«

Rodwell hörte nichts mehr – vor den Augen flimmerte es ihm, seine Knie zitterten und brachen unter ihm, und mit dem Schmerzensschrei: »Mein Kind – mein armes, armes Kind!« sank er an dem Grabe schluchzend nieder. – Die Männer waren erstaunte Zeugen dieses ganz unerwarteten Ausbruchs wilden, verzweifelten Schmerzes. Sein Kind, das fremde Leute hier begraben? – dann der späte Ritt in dunkler Nacht – das sonderbare Benehmen jener Frau dazu – daß hier nicht Alles war, wie es sein sollte, unterlag wohl keinem Zweifel. Die Bewohner Australiens sind jedoch an solche außergewöhnliche Familienscenen zu sehr gewöhnt, einer jeden nachzuforschen. Selbst das Geheimnißvolle der Abstammung von mehr als drei Viertheilen der damaligen Gesellschaft trug viel dazu bei, ein verschlossenes Wesen bei Vielen zu entschuldigen und vor unbequemen Fragen zu bewahren. Schweigend blickten deshalb die Männer auf den Unglücklichen nieder, der das Grab seines Kindes mit seinen Thränen netzte. Tolmer dagegen, der sein Pferd am Zügel genommen, faßte des Alten Arm und ließ sich von diesem, während er mit ihm langsam dem Hause zuschritt, die ihnen vorausgeeilten Fremden näher bezeichnen.

Bald blieb ihm auch nicht der geringste Zweifel mehr, daß es wirklich jener sogenannte Capitain Howitt mit der unglückseligen, verblendeten Frau seines armen Reisegefährten gewesen. Der Mann hatte, des Alten Aussage nach, sehr geeilt und die Station gleich wieder verlassen wollen, wie nur das arme kleine Ding, das ihnen am Wege gestorben, eben unter die Erde gebracht war. Die Frau aber hatte sich geweigert, ihm so rasch zu folgen, und er selber sie wohl nicht allein zurück lassen mögen; denn er war mit ihr bis fast gegen Abend hier geblieben.

Was dem Kinde gefehlt haben konnte, wußte Niemand. Wie es ihnen vorgekommen, hatte die Frau dem Mann, ehe sie fortgingen, Vorwürfe gemacht, er aber nur finster darauf geantwortet. Dann waren sie in dem Dickicht, das die Station umschloß, verschwunden.

Tolmer suchte jetzt das Gespräch auf im Busch vielleicht zerstreut wohnende Leute zu bringen. Er selber suche, wie er vorgab, Arbeiter, und habe gehofft, die hier in der Gegend zu finden. Indessen hatten sich aber noch einige der andern Männer, Schäfer und Hüttenwächter von der Station ihnen angeschlossen, und der Alte gab ihm nur ausweichende Antworten auf alle seine dahin abzweckenden Fragen.

Nur mit vieler Mühe konnte jetzt Rodwell bewogen werden, das Grab seines Kindes zu verlassen und die Nacht in der Hütte zu verbringen. Nahrung nahm er gar keine zu sich, und am nächsten Morgen war er schon wieder mit Tagesanbruch an dem theuren Platz.

Auch Tolmer rüstete sich zu frühem Aufbruch; Rodwell weigerte sich aber, weiter mit ihm zu gehen.

»Jenny,« sagte er mit resignirtem Schmerz, »hat mir den Frieden meiner Heimath zerstört – hat mir mein Kind gemordet, daß die Beschwerden dieser Flucht nicht ertragen konnte. Sie hat sich dadurch von mir selber losgesagt. – Was sie an mir gethan, vergeb' ich ihr ja gern, aber daß sie unser – daß sie ihr eigen Kind so wenig lieben konnte – das – das mag ihr Gott vergeben – ich bin nur ein schwacher, sündhafter Mensch – ich kann es nicht.«