»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins Zimmer trat?«

»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«

»Carajo!« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich lebe noch, wie Ihr seht, und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt – jetzt aber bleibt Euch kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht unnützer Weise bemühen wollte. – Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu sehen, und Strafe hatte ich verdient, weil ich dumm genug gewesen war, auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung auf der Hand lag, mit einem Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben, so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals abschneiden – das habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an, und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«

»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche außerordentlich höflich.

Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite, möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.

»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen –«

»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«

In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig. Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte aber jetzt auch, was er von dem Deutschen im Guten zu erwarten hatte. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.

»Bueno, Señor,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last fallen. – Auf Wiedersehen!« Und mit den Worten drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus gut zuschließen.

Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das Ganze angehört haben mußte.