Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen eine Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der Kajüte – einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.

Madame Bockenheim strahlte zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen zischelten – war es ja doch nur der blasse Neid, der sie bewegte.

Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.

Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen. Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit denen nicht.

Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.

Leider war der Bursche – Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern trifft – vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.

Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.

In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen konnten.

Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe dann wohl die Hände lassen mußten.

So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.