Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?
Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot – ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu begegnen.
Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.
Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch lieber selber besorgt hätte – denn die kleinen Colli enthielten viel Gold und waren schwer – so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu fürchten, und der arme stumme Mensch konnte auch Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.
Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.
Viertes Kapitel.
Auf dem Chagresfluß.
Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg werfen.
Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der macheta hauen muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.
Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen dort nicht vor.
Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.