Die Sonne neigte sich zu ihrem Untergang, aber die Entfernung sollte, nach des Indianers Angabe, gar nicht mehr so weit sein, um nicht wenigstens das kleine Städtchen Aspinwall noch zu erreichen. Der Himmel blieb dazu klar, Mondschein hatten sie ebenfalls, und bei fast windstiller Luft war nicht das Geringste zu befürchten. Sie brauchten ja eben nur mit der Strömung hinabzutreiben.

Es war eine wundervolle Fahrt, und Bockenheims Frau besonders, die nie etwas Aehnliches gesehen, ganz entzückt von der prachtvollen, unbeschreiblich schönen Scenerie. Allerdings sahen sie nicht viel von dem sich an beiden Seiten hinziehenden Wald, denn die ziemlich steilen und schroffen Ufer verhinderten sie daran; aber überall über diese hinaus hingen die herrlichsten Festons blumengeschmückter Ranken, neigten die Palmen ihre gefiederten Wipfel oder schüttelten breitblättrige Bananen ihre zitternden Wedel. Wo aber einmal ein kleiner Bach in den Chagres einmündete oder selbst nur ein Sumpfwasser das, aus dem niederen Land kommend, hier seinen Ausfluß suchte, da überbot die dort wuchernde Vegetation Alles, was die Deutschen bis dahin für möglich gehalten, und diese konnten manchmal einen Ausruf des Staunens und der Bewunderung nicht unterdrücken.

Wie ein kleiner, aus einem Feenmärchen herausgeschnittener Zauberhain lagen zuweilen solche Stellen, mit dem beengten Wasserspiegel in der Mitte und von Palmen und Laubholzgruppen, von Ranken und Lianen wie in einen Rahmen eingefaßt, und ein paar Mal hemmte Pablo selber den Lauf des Canoes, damit sie nicht zu rasch an solch' zauberschönem Bild vorübergeführt wurden.

Allein auch das Materielle verlangte zuletzt sein Recht. Die Natur schien allerdings all' ihre Reichthümer hier auf diese eine Strecke verschwendet zu haben, aber die Reisenden waren trotzdem hungrig und durstig geworden, und wenn sie auch Lebensmittel und Wein im Canoe mitführten, fehlte es ihnen doch an Früchten. Besonders Madame Bockenheim verlangte darnach, Pablo aber winkte ihr zu, sich nur noch einen Augenblick zu gedulden, denn sie würden, wie er mit der Hand zeigte, bald an eine Hütte am Ufer kommen, wo sie deren reichlich fänden.

Sie hatten sich schon so an ihren stummen Diener gewöhnt, daß sie dessen Zeichen so gut verstanden, als ob er mit Worten zu ihnen gesprochen hätte. Uebrigens wollte die Frau auch die Bestätigung, ob es an der nächsten Hütte Früchte gäbe, von dem Indianer hören; dieser lachte nur und nickte mit dem Kopf. Es mochte ihm komisch vorkommen, daß es da keine geben sollte, denn die Leute lebten ja fast einzig und allein davon.

Malerisch genug sahen die einzelnen Wohnungen der Eingeborenen aus, die sie hier und da am Ufer getroffen hatten, von Bambus errichtet, mit Palmfasern oder Blättern gedeckt, und nackte und halbnackte braune Gestalten bemerkten sie auch hie und da unten am Ufer, theils um Wasser zu holen, theils um zu fischen, theils um sich zu baden. Solchen Plätzen darf man aber, einen so romantischen Anstrich sie auch haben mögen, nicht zu nahe kommen; denn der Schmutz in diesen Wohnungen ist wirklich entsetzlich, und Bockenheim selber hatte schon genug von den kalifornischen Indianern in dieser Hinsicht gesehen, um kein großes Verlangen nach dem Besuch einer dieser Baraken zu fühlen. Außerdem durften sie sich auch nicht zu lange aufhalten, denn so eben verschwand das letzte Canoe ihrer kleinen Flotte hinter der nächsten Biegung des Stromes.

Der Indianer sagte ihnen übrigens, daß die kleine Hütte, die sie jetzt vor sich sahen, die letzte am Ufer des Stromes wäre, wo sie Früchte bekommen könnten, da der Chagres von hier ab durch lauter sumpfiges Land ströme. Pablo hatte mit seinem Ruder vorn den Bug auch schon herumgeworfen, daß sie jetzt gerade darauf zu hielten, und wenige Minuten später scheuerte derselbe den weichen Schlamm.

Pablo sollte nun, da er vorn im Canoe saß, hinauf gehen und Früchte holen; er lachte aber verlegen und deutete auf seinen Mund. Wie konnte der arme Teufel dort sagen, was er haben wollte? Bockenheim selber aber hatte keine Lust, das Canoe zu verlassen, und der Indianer wurde deshalb beordert, hinauf zu laufen und mitzubringen, was er rasch finden könne, auch wo möglich einen Trunk Milch für die Frau oder wenigstens ein paar Kokosnüsse. Bockenheim gab ihm dazu einen spanischen Dollar.

In dem schwankenden Canoe konnte er aber nicht gut über die vor ihm Sitzenden wegsteigen, noch dazu da die Laube, unter welcher die Frau ihren Platz hatte, sein Aussteigen hinderte. Pablo stieß deshalb das Canoe wieder zurück und suchte es seitwärts an das Land zu bringen, was ihm auch endlich gelang. Dann sprang er hinaus in das Schlammwasser, ob es ihm auch fast bis an die Hüfte ging, und hielt es fest, damit der Indianer rasch und leicht hinaus und nachher die Früchte auch bequem einladen konnte.

Das Ufer war hier bis an den Strom hinab bewaldet, und nur ein schmaler, ausgehauener Pfad führte an der Uferbank hinauf, in dem der Indianer gleich darauf verschwand, um seinen Auftrag auszuführen.