Pablo indessen, der noch immer im Wasser stand und den Rand des Canoes festhielt, drehte es jetzt so, daß es mit dem Stern oder Hintertheil mehr an's Ufer kam, damit der Steuernde, wenn er zurückkehrte, augenblicklich seinen Platz wieder einnehmen konnte. Bockenheim, der behaglich ausgestreckt in dem kleinen Fahrzeug lag, sah ihm zu und nickte beifällig mit dem Kopf. Die Sonne war schon hinter den Baumwipfeln verschwunden und die Luft dadurch kühl und labend geworden. Und wie still und ruhig die Welt hier schien, kein Lüftchen regte sich, kein Laut wurde gehört, auch keines der übrigen Canoes befand sich mehr in Sicht – sie mußten ihnen ein tüchtiges Stück vorausgekommen sein – aber was schadete das? Vor morgen früh fuhr der westindische Dampfer schwerlich von Colon ab, oder wenn doch, dann lag ja doch noch der nordamerikanische dort, der jedenfalls die Postsäcke von San Francisco erwarten mußte. Den erreichten sie gewiß, und konnten dann ihre Reise mit diesem fortsetzen. Gelegenheit nach Deutschland gab es von da ab genug, und er war unter jeder Bedingung in Sicherheit.
Still vor sich hin lachte er dabei, wenn er an seinen alten Freund aus den Minen, den Mexikaner, dachte, wie der ihn jetzt in Lima suchen und wie wüthend er sein würde, wenn er endlich erführe, daß er da draußen auf dem Meere schwimme. Nach Deutschland mochte er ihm dann folgen; wo sollte er ihn da finden? Und wenn er ihn wirklich fand, welches deutsche Gericht hätte sich auf eine so wahnsinnige Anklage hin seiner angenommen?
Ganz in seine Gedanken vertieft, hatte er gar nicht mehr auf den stummen Diener geachtet, der indessen an Bord gestiegen war, das Canoe etwas heranzog, dann das Ruder in die Hand nahm und nun langsam den Platz einnahm, den der steuernde Indianer vorher inne gehabt. Jetzt setzte er ruhig das Ruder gegen die Uferbank und schob das Canoe leise in den Strom hinaus und vom Lande ab.
»Halt, Pablo,« sagte Bockenheim, ohne aber seine Stellung noch zu verändern, »nimm Dich in Acht; wir werden flott, und ich glaube, Du weißt nicht besonders mit einem Canoe umzugehen.«
Pablo's Augen blitzten von unheimlicher Gluth.
»Doch, Don Gaspard,« lachte er plötzlich mit heiserer Stimme, indem er das Canoe mit einem einzigen kräftigen Ruderschlag bis weit hinaus in die Strömung schießen ließ – »vortrefflich!«
»Alle Teufel!« schrie Bockenheim, in dem ersten Moment mehr davon überrascht, daß der Stumme sprach, als noch mit einem anderen Gedanken beschäftigt, indem er halb herum fuhr und sich auf seinen rechten Ellbogen stützte, um den also entpuppten Diener anzusehen, der aber indeß mit reißender Schnelle das schlanke Fahrzeug von der Landung abführte. Einen raschen Blick hatte dieser dabei über das untere Ufer geworfen, und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen, als er nirgend mehr ein Canoe am Ufer bemerken konnte. Es bedurfte keiner weiteren Vorsicht, denn seine Bahn war frei.
»Aber Pablo!« rief Madame Bockenheim erschreckt, »der Indianer mit den Früchten ist ja noch auf dem Lande!«
»Kennt Ihr mich nicht, Don Gaspard?« rief da Pablo. »Hat mich die Augenbinde, der abrasirte Bart und das kurz geschnittene Haar so verändert, daß Ihr Euren alten Freund Felipe nicht unter der Maske des Kajütenwärters gespürt habt?«
»Felipe!« schrie der Deutsche, während Todtenblässe seine Züge deckte, »Teufel!« und fast krampfhaft suchte er sich emporzurichten, um den rechten Arm frei zu bekommen und nach seinem Revolver zu greifen; aber der Mexikaner war schneller, als er. Das Ruder in der linken Hand lassend, griff er mit der rechten neben sich und faßte das dort versteckte Beil.