Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu werden, überschießen konnten.

Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.

Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens, wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann seinen Nachbar abzulösen.

Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und schritt neben dem Pfad – um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden, kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie schwerlich geschädigt haben.

Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb gefüllt – der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon eine Nachtwache halten.

Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. – Er mußte eine Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher Kaffee dazu ausschenkte.

In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten befand, nieder.

Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen, wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber Nichts – der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß – und schlief fort bis zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.

Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. – Wo war er denn eigentlich? Er konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz – das Gefühl der Gefahr, in der er sich noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.

Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. – »Wenn sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt, daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte: