»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch. Was sollen wir hier? Hier steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«

»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber – in der deutschen Colonie werden wir Geld brauchen und das –«

»Nicht einen Cent,« rief Jim – »denk an Klingelhöffer – würde der Geld für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt uns Nahrung und Quartier.«

Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (to hobble a horse, ein Pferd an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem nächsten Ziel entgegenführen mußte.

Neuntes Kapitel.
In der Colonie.

Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu – an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen – solche ausgenommen, die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich in eine neue Wildniß ziehen.

So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie erreichten, horchten sie umher – überall vergebens, denn der gesuchte Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben, doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben zum Opfer gefallen.

Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend – in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen konnte.

Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als Behaglichkeit verriethen?

Das waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? – Am Fourche-la-Fave? – Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen und selbst diese boten wenig – keine von allen auch nur mehr als den nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.