Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.

So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten, wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den Boden roth.

Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu entgehen.

Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen. In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.

Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen, hinausschob auf bessere Zeiten.

Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die nöthigen Lebensmittel ersuchten – mit dem Erbieten sogar, für dieselben zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.

Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben – vielleicht auch gar für eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner, der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären. Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.

Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen, aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.

Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.

Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit einigem Mißtrauen betrachtet.