Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im Auge – er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief, südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere Berggruppen einschlossen.

Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? – Er mußte es sein – ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand, erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. – Wären sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das Garn – nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. – Aber ein Trost blieb ihnen – ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen, wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.

Erbarmen? – er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben – wahrlich nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je wieder aufzugeben.

Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in den letzten Tagen gejagt? – Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel? – Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe, waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach ihnen um.

John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den Boden flog.

John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch, als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs benutzte den nach besten Kräften – ja der Weg zog sich hier mehr links in den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter; deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.

John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte, daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.

So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen Waldweg gab es schon lange nicht mehr – nur noch einen Pfad, der sich durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.

Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere von sich streckte.

Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun, den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.