Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? wer hätte es ihm aber geborgt, kaufen konnte er sich keines, und wie viel Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf – das erste beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein Entschluß gefaßt.

Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig – die Stelle war, an dem getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser Weidengrund – ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.

Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch deutlich – ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein, denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.

Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte auch nicht einen Moment in seinem Schritt.

Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten, denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. – Und sollte er selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet – er konnte den Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.

Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts, sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde – aber was war das? – nur die Hufe eines Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte, sah er hier dem Boden eingedrückt – und herüber und hinüber gingen sie, als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte – oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben – weshalb hatte er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige konnte ja gar nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.

Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen hatte.

Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann noch einmal einen andern Cours nahm.

Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er verzweifelnd vor sich in die Erde – denn er hatte John's Fährte angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.

Was nun thun? – Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber, bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte er jetzt zurück und an dem Bergstrom die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden weiten Vorsprung und dann – konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.