Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen. Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.

So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt, ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den Augen – ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen Baumstamm die Seite rieb.

Es war vorbei – nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen gesehen – möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort erwarten.

Elftes Kapitel.
Die Ueberraschung.

Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in seiner Kugeltasche bei sich.

Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte sich über den Wald.

Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von ihm entfernt – oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein, da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen Feind. Es war Hendricks.

Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie in Fieberfrost.

Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen vollkommen gelingen mußte.

Wie in aller Welt hatte er John überlistet? – war sein Pferd ebenfalls gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand – Langsam und vorsichtig, mit so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig – er konnte nicht darauf zielen; – er kroch etwas weiter nach rechts hinüber. Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben.