Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort – kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle, an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks – ebenso verdurstet wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins Büchse und sein Auge suchte das Korn – aber es war nicht mehr möglich. Er selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch, und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten – ihn seiner selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?

Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle. Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen können.

Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.

Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen – wohl erst um neun Uhr – heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er Nichts beginnen – aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.

Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines Blattes entging seinem scharfen Ohr.

So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang – dort drüben war Alles ruhig geworden – endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete er sich zum Handeln.

Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings – die Nacht war ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute, und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.

Schlief Hendricks? – Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. – Aber Alles blieb ruhig wie das Grab – ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.

Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend? Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben ihm blitzte etwas – es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte – die Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.

Jim zögerte einen Augenblick – aber auch nur einen – jetzt war er neben dem Schlafenden – geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt – ein Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. – Es wäre besser für ihn gewesen, er wäre todt geblieben.