An der ostafrikanischen Küste, aber noch nördlich vom Aequator, kreuzte einer jener amerikanischen Schooner die, aus den Yankeestaaten kommend, Küstenhandel in allen Theilen der Erde treiben und, wenn sie irgend einen Nutzen dabei zu finden glauben, eben so keck den Stürmen vom Kap Horn, wie den Typhoons des chinesischen Meeres trotzen.
Die Sarah Miles, wie das kleine Fahrzeug hieß, war denn auch, mit Zwiebeln, Wanduhren und Blechwaaren beladen, von Connecticut nach Surinam gegangen, hatte dort Zucker, Kaffee wie andere tropische Produkte für Chili eingetauscht, von da aus Mehl, Wein und Kartoffeln nach der Südsee geführt und von den Inseln Kokosnußöl, Perlen und Perlenmuttermuscheln nach Australien gebracht. In Sydney verkaufte Kapitän Oacutt diese Ladung sehr vortheilhaft an ein deutsches Handlungshaus und tauschte dafür theils Waaren für den afrikanischen Markt ein, theils nahm er bessere Sachen für die Kapstadt mit, um von dort echten Kapwein, oder was er sonst erhalten konnte, zurück in sein Vaterland zu führen.
Natürlich konnte er aber unterwegs der Versuchung nicht widerstehen, zuerst einmal ein paar der kleinen Königreiche an der Ostküste anzulaufen. Dort war jedenfalls noch ein Geschäft mit den uncivilisirten Wilden zu machen, es mußte wenigstens versucht werden, und möglich ja, daß sich Elfenbein, Gold, Gummi und wie die werthvollen Produkte dieses Himmelsstrichs alle heißen, um einen Pappenstiel erstehen ließen.
Hier befand sich aber Kapitain Oacutt – in dem, was die geographischen Verhältnisse dieser Länder betraf – völlig aus seinem Fahrwasser, denn er hatte wohl eine ausgezeichnete Karte von Connecticut an Bord, auch ein paar andere, alt gekaufte von dem Hoogly, San Franzisco, Rio de Janeiro und anderen Küstenstrichen. Wie es aber mit den Hafenplätzen jenes Erdstrichs aussah, dem er gerade entgegen hielt und ob er sich hier einem schon theilweise civilisirten oder noch vollkommen wilden Volke gegenüber befinde, davon wußte er kein Wort und, aufrichtig gesagt, kümmerte sich auch nicht darum.
Wenn er nur Menschen dort fand, mit denen er Handel treiben konnte, und die etwas des Handels Werthes besaßen, alles Uebrige fand sich von selbst, und Gefahren? Bah! seine Amerikaner, die er an Bord hatte, fürchteten sich vor dem Teufel nicht, viel weniger vor einer Horde nackter, schwarzer Wilden.
Die Sarah Miles führte auch in der That eine für ein so kleines Fahrzeug sehr starke Besatzung, und zwar schon der großen Schoonersegel wegen, mit denen nicht so leicht hantiren ist, wie mit Raasegeln. Außerdem war dem Kapitain in Sydney angerathen worden, sich an der afrikanischen Küste vorzusehen, da jenen Völkerstämmen nie zu trauen sei, und er hatte dort noch vier, einem Wallfischfänger entsprungene Matrosen, junge, kräftige Bursche, dazu geworben. Mit Waffen war er überdies reichlich versehen, sogar mit einer vortrefflichen Drehbasse, die vorn auf seinem Bug stand, und sich deshalb bewußt, nichts versäumt zu haben, um einer möglichen Gefahr auch kräftig zu begegnen.
Uebrigens hatten sich diese Vorsichtsmaßregeln bis jetzt als sehr nutzlos erwiesen, denn er sichtete, von Australien bis hieher, nicht ein einziges Mal Land und bekam deßhalb auch keine Prouen, Dschunken, Kanoes, oder was sonst noch auf Raub ausgeht, zu sehen. Ein paar Mal bemerkte er allerdings Segelschiffe: friedliche Kauffahrer, die vielleicht zwischen Indien und dem Kap fuhren. Diesen gefiel aber wieder der Schooner mit seinen keck gestellten Masten nicht, und sie machten gewöhnlich, daß sie ihm aus dem Weg kamen, während Kapitain Oacutt nicht das geringste Interesse hatte, sie aufzusuchen. An denen war nichts zu verdienen; das wußte er aus Erfahrung gut genug, und er steuerte sich ihretwegen auch nicht einen halben Strich aus seinem Kurs.
Mit einer allerdings sehr schwachen, aber doch günstigen Brise glitten sie so durch das tiefblaue Wasser des Ozeans und der Kapitain schaute sehnsuchtsvoll nach Land aus. Seiner Berechnung nach hätten sie nämlich unter der Länge, die ihm sein Chronometer angab, schon ein paar Meilen in Land auf der afrikanischen Küste sitzen müssen – Gott nur wußte, welche Zeit der hielt, – und noch war nicht einmal ein Ufer zu erkennen. Die ganze Nacht mußte deßhalb auch doppelte Wache an Bord bleiben, um, wenn sie nichts sehen konnten, nach der Brandung auszuhorchen, aber sie konnten ungestört ihren Weg fortsetzen, und erst am andern Morgen mit Tagesanbruch kündete der frohe Ruf der Leute: »Land!«
Sie mußten auch in der Nacht ziemlich nahe hinangekommen sein, denn deutlich ließ sich schon ein erhöhtes und waldiges Ufer erkennen, das verschiedene Einschnitte zeigte; welchem Theil der Küste es aber angehöre, war schwer zu bestimmen, denn Kapitain Oacutt hatte, wie gesagt, keine Spezialkarte von Afrika an Bord und verließ sich, im Auffinden von günstigen Landungsplätzen, wie gewöhnlich auf sein gutes Glück.
Die Brise frischte jetzt etwas auf, und um zehn Uhr etwa waren sie so nahe gekommen, daß sie schon mit bloßen Augen Menschen auf dem weißen Uferstrand erkennen konnten. Rauch stieg an vielen Orten auf, und die Gegend schien jedenfalls bevölkert.