Der Kapitain stand vorn auf der Back seines Schooners, das Fernrohr in der Hand, um wo möglich einen Landungsplatz zu finden, aber er bemerkte, daß die Eingebornen den Strand entlang, mehr in einer nördlichen Richtung liefen und errieth leicht die Ursache. An jenem Punkt, auf welchen sie zuhielten, lag wahrscheinlich kein günstiger Ankergrund, aber wohl weiter oben. Ohne sich auch lange zu besinnen, gab er Ordre, den Kurs des Fahrzeugs dahin zu ändern, und rief einen Mann vorn in die Rüsteisen, um das Loth zu werfen, damit sie sich nicht in zu seichtes Wasser wagten, – hatte das Meer doch hier schon eine mehr gelbliche Färbung angenommen.

Der Schooner gehorchte rasch dem Steuer, und auch die Eingebornen schienen mit der neuen Richtung einverstanden, denn sie hatten grüne Zweige abgebrochen und schwenkten sie in der Luft, ein Zeichen, daß sie die Fremden freundlich empfangen und friedlich mit ihnen verkehren wollten. Man darf jedoch diesen wohlwollenden Manifestationen nicht immer unbedingten Glauben schenken, denn es giebt auch verrätherische Stämme, die dadurch Beute heranzulocken suchen, ähnlich wie irische Stranddiebe Nachts durch falsche Signale Fahrzeuge verführen, an die gefährliche Küste anzulaufen.

Kapitain Oacutt traute auch diesen signalisirenden Betheurungen nicht weiter als nöthig; d. h. er nahm sie nur für einen Beweis von Höflichkeit, und erwiederte dieselbe damit, daß er seine Flagge aufzog. Zugleich beschloß er aber, dem Land nicht näher als nöthig zu kommen, ehe er nicht die Aufrichtigkeit der Eingebornen erprobt habe, auch nicht etwa gleich fest vor Anker zu gehen, sondern, wenn nahe genug, ein Boot abzuschicken und dann langsam dort auf und ab zu kreuzen. Dadurch behielt er nicht allein sein kleines Fahrzeug vollständig in der Gewalt, sondern konnte auch seinem Boot, wenn es etwa nöthig werden sollte, rasche Hülfe bringen. Außerdem befand er sich hier noch immer in einigen zwanzig Faden Wasser, also in einer Tiefe, bei der er nicht die geringste Gefahr lief.

Für das Boot, das sein Steuermann führen sollte, wurden jetzt Freiwillige aufgerufen, und diese selber vorsichtigerweise bewaffnet, um sich im Fall der Noth vertheidigen zu können. So liefen sie, vollständig bereit, es jeden Augenblick nieder zu lassen, direkt gegen die Küste, und bis fast in fünf Faden Tiefe hinan und erwarteten eben den Befehl zum vom Bord gehen, als der Mann am Steuer ein Kanoe bemerkte, das eben vom Ufer aus in Sicht kam und augenscheinlich zu ihnen heraus wollte. – Das mußte jedenfalls abgewartet werden, denn man sah da gleich, mit wem man es zu thun hatte; auch lag in dem Besuch nichts Außerordentliches. Freuen sich doch diese wilden, nur auf ihre eigenen Erzeugnisse angewiesenen Stämme jedesmal, wenn sie auf eine solche Art mit irgend einem fremden Fahrzeug in Verbindung treten können, da ihnen dieses doch immer viel Neues und oft auch Nützliches bringt. Was sie selber dafür an Werth geben mußten, rechneten sie nicht, denn es waren stets Sachen, die sie leicht wieder ersetzen konnten, und doch wie schmählich wurden sie dabei betrogen. Was für glänzende Geschäfte hatte Oacutt auch schon in der Südsee gemacht, wo er für Tabak und Branntwein, für Kattun, Tant, werthlose Knöpfe, ja oft für abgebrochene Nägel Kokosnußöl und nicht selten kostbare Perlen eingetauscht. Dieser Stamm war keinenfalls klüger als die dortigen, und ein Sortiment derartiger Dinge auch deßhalb schon hervorgesucht und bereit gelegt.

Das herankommende Canoe sah indessen nicht so aus, als ob es einen Handel eröffnen sollte. Es führte nur vier Mann an Bord. Einer saß am Steuer, zwei ruderten und der vierte stand, mit einem grünen Busch in der Hand, vorn im Bug. Sie waren sämmtlich nackt, nur mit einem blauen Schurz um die Lenden bekleidet und gaben die schwarzen Wollköpfe trotzig der Sonne preis, schienen aber keine Waffen zu tragen und eher eine Art von Gesandtschaft, die heraus beordert wurde, um vielleicht einmal zu erfahren, welche Waaren die Fremden brächten und was sie dafür verlangten. Jedenfalls blieb es gerathen, sie freundlich zu empfangen, und der Kapitän befahl deßhalb, die Fallreepstreppe hinab zu lassen, damit sie bequemer an Bord steigen konnten.

Die Leute im Kanoe mußten auch diese Erleichterung schon kennen, denn der Steuernde hielt rasch darauf zu, aber man konnte nicht sagen, daß sie neugierig seien, denn nur Einer von ihnen, der mit dem grünen Busch, ergriff dieselbe und lief daran empor. Die Uebrigen blieben im Kanoe, ergriffen nur die Taue und hielten sich fest, um nicht von dem, jetzt allerdings nur wenig Fortgang machenden Fahrzeug zurückgelassen zu werden und ihren Mann zu verlieren.

Der Botschafter blieb indessen noch immer, mit seinem Busch in der Hand, oben an Deck stehen, und schien vorher eine Einladung abzuwarten, um näher zu treten, zeigte aber keine Furcht und schaute sich ruhig und gleichmüthig an Bord um. Kapitän Oacutt war übrigens in Verlegenheit, wie er sich dem schwarzen Burschen verständlich machen sollte, denn an Bord kannte natürlich Niemand die Sprache dieses Volkes. Um aber seinen guten Willen zu zeigen, nahm er ein großes Stück Kautabak in die eine, ein Glas mit Branntwein in die andere Hand und ging damit auf den Botschafter zu. Den Tabak mußte dieser auch kennen, denn sein schwarzbraunes Gesicht verklärte sich ordentlich, als er ihn sah, und er griff rasch danach. Nicht so nach dem Branntwein. Vorsichtig roch er vorher an das Glas, schob es dann zurück und sagte in gebrochenem, aber doch verständlichem Englisch: »Danke – ich nicht Feuer trinken – bös – sehr bös!«

»Alle Wetter!« rief Kapitän Oacutt erfreut aus, »Du sprichst amerikanisch, mein Bursche? Das ist famos. Und was bringst Du uns?«

»Bringen?« sagte der Eingeborne erstaunt, »ich soll was bringen? Dafür schickt mich der König her, daß Du was bringen sollst. Geschenke, wie es bei uns üblich ist; dann erlaubt er Dir auch, daß Du landen und zu ihm kommen darfst.«

»Unendlich gnädig,« lachte Oacutt, »und vorher dürfen wir nicht?«