Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.

Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.

Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.

Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.

Viertes Kapitel.
Der zweite Besuch.

Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch wurde auch dem Befehl: »a shore!« Folge geleistet; mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.

Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es Schlimmeres?