Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.
Zweites Kapitel.
Der Mexikaner.
Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache. Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen, daß der Mann dort jedenfalls Glück gehabt, denn er verausgabte gerade in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. – Er machte nicht für einen Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.
Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden Menschenverstand, um derartige Burschen zu durchschauen, und hatte in seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte. Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren Manieren eines »caballero«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete, und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig vergessen zu lassen, und die haute volée von Lima, welcher Nation sie auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte, aus.
Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich machen – hier war es in der That nicht möglich.
Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst gelebt, so ganz aus sich herausgesprungen schien sie jetzt. Ihr Mann, der Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben, hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit und machte sich dadurch nur lächerlich.
Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung setzen.
Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und kamen die Leute, Abkömmlinge aller Nationen, und besonders strömten die señoritas herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.
Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima zeigen, »was sie konnten«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie waren.
Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch, und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte. Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier nicht geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.