»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte – aber glücklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt er nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls hartnäckig die Verfolgung wieder aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.«

»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau ruhig, »und wenn es nicht Ihretwegen wäre, möchte ich ihn wirklich lieber erwarten.«

»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?«

»Nein, Clemence – nein!« rief Trautenau rasch, »Sie haben mein Wort, und beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«

»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das junge schöne Weib gerührt und weich, – »ich vertraue Ihnen ganz – Sie werden mich nicht verlassen. Aber nun auch fort – ich habe schon zu lange gezögert, denn wenn Reuhenfels nur im Geringsten mißtrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen früh, ehe der Zug abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit – ich nehme meine Kammerfrau mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.«

Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine Lippen drückte – dann drängte sie ihn selber freundlich der Thür zu und Ernst fühlte, als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen Füßen.

In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefühl der Aufregung und des Entzückens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, einen nicht allein außergewöhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er auch Muth genug besaß, die Rache des Betrogenen nicht zu fürchten, so konnte er doch auch nicht gut umhin, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu überdenken.

Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth als früher liebe, das fühlte er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten Jahren bekämpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber stand und ihre Blicke so lieb und gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. – Aber sie war nicht mehr frei – sie war vermählt, und ließ es sich denken, daß der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt und beleidigt, je selber und freiwillig das Band lösen würde, das sie an ihn fesselte – und was dann?

Daß er sich selber einen Hausstand gründen und eine Frau ernähren könne, wußte er; daß er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden würde, davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und wenn sie auch in Glanz erzogen und dabei verwöhnt sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles leicht überwinden lassen. – Und Clemences Vater? – Nur der Gedanke an diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was er darüber von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu offenkundige und freche Schwindelei gewesen, um sich darüber auch nur noch im Entferntesten einer Täuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere Verwandschaft treten? – Aber was konnte Clemence dafür? Trug sie die Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, frei und unabhängig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu erwerben.

Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese Dinge den Kopf, wo es ja vor Allem galt, die Geliebte aus den Händen eines rohen und tyrannischen Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. Lieber Gott, er wollte sie ja nur glücklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst die Heimath verlassen mußte, um in einem fernen Welttheil das Glück zu suchen, das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten.