»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«

»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«

»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der Nachbarschaft machen wollten.

»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist – aus welchem Grunde auch immer – ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn ich fange an hungrig zu werden.«

Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte; denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn nimmermehr.

Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.

Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber, ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs wegen zur Rede zu stellen.

Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.

Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume.

Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder – zu so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.