Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken.
Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten, schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt wieder zurück zum Ufer trugen. – Doch gewaltsam schüttelte er alle diese Gedanken ab – er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um – was sie zu erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen.
Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.
»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute.
»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau, »er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.«
»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser; es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu finden.«
Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt, auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, – aber Reuhenfels ließ lange auf sich warten, – höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:
»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«
»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?«
»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?«