Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften.
Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses fabelhaften Lebens, das die Matrosen – einer solchen Landratte gegenüber – denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und all das Wunderbare selbst mit zu erleben.
Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal:
»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was ich von Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord eines solchen Schiffes verdingte.«
»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.«
»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein – mit Deckwaschen, Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will, muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts schaden – viel Glück Mate und einen guten Fang –« und damit stieg er langsam zur Thüre hinaus.
Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. Das war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur ein Bedenken kam ihm noch – er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht, nicht wahr? – denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's zu Ende – lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.
Endlich fingen sie an zu singen – ganz schrecklich lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge – und es war in der That nicht der einzige – nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.
Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag – so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.