Derlei Berichte mögen nun wohl oft übertrieben sein, denn Quito liegt weit ab von allen Verkehrswegen, und man hat einen langen, mühseligen Ritt von der Küste aus, um es zu erreichen, so daß es verhältnißmäßig nur selten von Fremden besucht wird. Aber nichtsdestoweniger lohnt es doch alle die Mühe, die man darauf verwendet, denn es bietet allerdings manches wunderbar Schöne, und außerdem haben wir Europäer noch alle Ursache, uns für die Nachbarschaft zu interessiren, denn gerade aus den Seitenthälern Quito's erhielten wir die Kartoffel, die noch jetzt dort im wilden Zustande, aber dann mit viel kleineren Knollen, vorkommt, außerdem aber auch in allen kälter oder höher gelegenen Distrikten Ecuadors auf das Fleißigste cultivirt wird.

Die Stadt liegt etwa 9500 Fuß (nach Anderen 8800 Fuß) über der Meeresfläche und fast unmittelbar unter der Linie oder dem Aequator, nur etwa 2½ deutsche Meilen südlich, aber gerade durch ihre Höhe nicht in einem tropischen, sondern vollkommen gemäßigten Clima. Die dort gezogenen Produkte gehören ganz der gemäßigten Zone an, und in den Gärten kommt jede deutsche Blume fort, ja ganze Beeteinfassungen von unsern lieben Kornblumen und Vergißmeinnicht sah ich dort, freilich aber auch daneben fremdartige Lilienpflanzen mit weißen phantastischen Blüthen, und andere, dieser Gegend eigenthümliche Gewächse. In den benachbarten Thälern gedeiht dabei die Kartoffel, Gerste, Hafer, Waizen, Kohl, Rübe und Hülsenfrucht genau so trefflich, wie bei uns, und ist mit der billigen Arbeitskraft zahlreicher indianischer Stämme noch bedeutend wohlfeiler herzustellen, als in Deutschland.

Steigt man aber dagegen nur einige tausend Fuß hinab, so wachsen dort schon Ananas und Bananen, Zuckerrohr und andere tropische Früchte, und der Markt von Quito bietet die wunderlichste Mischung aller Produkte der Erde, die man sich nur denken kann. Doch davon nachher; zuerst wollen wir uns die Stadt selber einmal ansehen.

Quito liegt trotz seiner Höhe in einem von mächtigen Gebirgen und zwei Cordillerenzügen eingeschlossenen Thale und in der fast unmittelbaren Nähe eines jener mit ewigem Schnee bedeckten Bergriesen, dem aus Porphyr und Basalt-Massen aufgebauten und mit Lava überschütteten Pichincha, dem selbst die Sonne des Aequators nicht die weiße kalte Decke rauben kann.

Wirft man, vom Süden kommend, einen Blick auf Quito, so bietet die Stadt mit ihren niederen, ineinander gedrängten Häusermassen und rothbraunen Ziegeln, aus denen nur eine Unzahl von Kirchen und kurzen Thürmen oder Kuppeln hervorragt, einen ganz eigenthümlichen, aber freundlichen Anblick, und besonders trägt der links im Hintergrunde aufsteigende spitze Kegel des oben erwähnten Vulkans viel dazu bei, das Bild zu heben. Der Pichincha gereicht der Stadt aber nicht allein zur Zierde, sondern auch zum Nutzen, denn erstens wird von ihm auf Maulthieren, Llamas und Eseln Schnee und Eis zum Verbrauch herabgeschafft, und dann hat auch die Stadt eines seiner wilden Bergwasser aufgefangen und durch die verschiedenen Straßen solcher Art geleitet, daß es in gewöhnlicher Zeit nur die Rinnen füllt, wenn aber eine Schleuse geöffnet wird, eine wahre Sturzfluth hindurchsendet und den Ort dann gründlich reinigt. Demnach müßte man also denken, daß Quito jedenfalls die reinlichste und reingehaltenste Stadt der Welt wäre; trotzdem giebt es freilich kein schmutzigeres Nest auf dem ganzen Erdboden, als eben diese Stadt.

Die vornehme Welt von Quito lebt allerdings abgeschlossen für sich selbst und hält sich in dem Inneren ihrer, mit europäischem Luxus ausgestatteten reinlichen Gebäude so viel als irgend möglich von ihrer Umgebung abgeschlossen; das eigentliche Volk aber lebt wirklich schlimmer als das Vieh, und von der Unreinlichkeit desselben – die man nicht einmal wagen darf zu beschreiben – kann man sich keinen Begriff machen, wenn man sie nicht selbst gesehen und darunter gelitten hat.

Die Wohnungen der Arbeiter und Handwerker gleichen Höhlen, in die man sich fürchtet nur den Fuß zu setzen, und Alles, wohin man sieht, wimmelt so von Ungeziefer, daß ich es selbst in frischgewaschenem Leinen zugeschickt bekam. Zu den Alltäglichkeiten, auf die Niemand mehr achtet, – ja nicht einmal nur bei der ärmeren, sondern auch oft der besseren Klasse – gehört es dabei, das Ungeziefer von den Köpfen ihrer Mitmenschen zu verzehren, und dem Europäer dreht sich, wenn er zuerst die Stadt betritt und Zeuge solcher Scheußlichkeiten ist, Herz und Magen um.

Auch die Wasser eines Pichincha selber vermögen nicht diese Stadt rein zu halten. Für den Augenblick ja, aber kaum lassen sie nach zu fließen, so sind die Straßen schon wieder mit Unrath gefüllt. Ja während sie selbst allen nur erdenklichen Schmutz zusammenschwemmen, kommen die Bewohner mit ihren Kochgeschirren aus den Häusern, um sie darin auszuspülen.

Die Stadt selber ist natürlich im altspanischen Styl erbaut, mit niederen, meist einstockigen Häusern, schon der häufigen Erdbeben wegen, und die Pfosten der Gebäude werden auch mit den darüber gelegten Balken noch besonders mit starken Bastseilen (einem Handelsartikel der Indianer) fest zusammengeschnürt, um bei einem etwaigen Schwanken des Gebäudes nicht so leicht nachzugeben. Auf Schönheit – ihre äußere Lage abgerechnet – macht sie aber wohl kaum einen Anspruch, und selbst die Plaza oder der große Markt, an dem die Kathedrale und der Palast des Bischofs liegt, zeichnet sich durch nichts weniger als besondere Architektur aus.

Nichtsdestoweniger ist dieser Platz für den Ausländer der interessanteste Theil der Stadt, denn hier sammeln sich täglich die bunten Nationalitäten des Landes, und der ganze lebendige Verkehr Quito's findet da seinen Mittelpunkt.