Schon mit dem frühesten Morgen treffen die verschiedenen Arrieros oder Maulthiertreiber ein, die Produkte in die Stadt schaffen – ganze Züge langen da an, die nichts als Orangen aus dem tiefergelegenen Lande bringen, andere mit Anis, mit Zucker, mit Branntwein. Da aber kein Fuhrwerk im Stande ist, die stets vom Regen ausgewaschenen entsetzlichen Straßen zu befahren, so wird das Alles nur auf den Rücken von Lastthieren herbeigeschafft.
»Lastthier« scheint aber hier ein außerordentlich elastischer Begriff; denn Lastthier heißt eigentlich Alles, was auf vier Beinen geht und getrieben werden kann – Schweine und Schafe vielleicht ausgenommen.
Vor allen Dingen fällt dem Fremden das Llama auf, das meistens von Indianern oder auch Indianerinnen in kleinen Trupps zu Markt getrieben wird und geringe Lasten (man sagt, daß es sich weigert, über achtzig Pfund zu nehmen) in die Stadt bringt. Es trägt kleine Zeugsäcke mit Anis oder Mais – auch wohl Futter für den Bedarf, und wirft den schönen langen Hals, wenn es in das ungewohnte Getreibe der Menschen kommt, scheu und unwirsch nach allen Seiten hinüber. Folgsam aber gehorcht es dem leisesten Rufe des Treibers, und die ihm zur Seite gehende Indianerin behält deßhalb auch vollständig Zeit, sich mit ihrer Spindel zu befassen.
Die Frauen der Indianer sind überhaupt die geplagtesten Wesen der Erde, die recht gut ebenfalls mit zu den Lastthieren Ecuadors gezählt werden dürfen, denn selten oder nie sieht man sie ohne eine Bürde, und meistens noch immer mit einem Kind als Zugabe. Ja ich bin ihnen draußen in der Straße begegnet, wo sie eine schwere Ladung Feuerholz, das sie zum Verkauf in die Stadt trugen, auf dem Rücken hatten, den Esel mit gleichem Stoff beladen vor sich her trieben, in einem um den Nacken geschlagenen Tuch den Säugling schleppten, und zugleich, da ihnen dadurch die Hände frei blieben, mit Rocken und Spindel arbeiteten. Also vierfach beschäftigt legen sie lange, mühsame Tagereisen zurück, und ihre ganze Nahrung ist indessen eine Handvoll trockener Puff- oder Saubohnen, ein paar Kartoffeln, oder ein Pfund gerösteter Mais, und wenn es hoch kommt, vielleicht einmal ein Schluck Maistschitscha unterwegs – doch gilt selbst dies entsetzliche Getränk, das aus gekautem und gegohrenem Mais besteht, schon als ein Extragenuß für diese armen geknechteten Wesen. Nur wenn sich ihr Herr und Gatte mit dem durch sie verdienten kargen Lohn in solcher Tschitscha um sein Bischen Verstand trinkt, wird auch ihnen manchmal gestattet, an dem Gelage Theil zu nehmen, damit sie später auf den vollständig Betrunkenen Acht geben können.
Das Llama selber ist ein allerliebstes, fast rehartiges Thier mit langem Hals und seidenweicher Wolle. Es wird allerdings vollständig zahm, behält aber trotzdem noch immer etwas Scheues, Wildartiges, und läßt sich besonders nicht gern von einem Fremden berühren oder streicheln. Dabei gehört es keineswegs den Tropen an, sondern weit eher einer kälteren Zone, wie ja auch schon sein warmer Pelz beweist, und deßhalb sind diese Thiere, die sich draußen von dem spärlichsten Futter nähren und fast gar keine Pflege verlangen, ein solcher Segen für die Bewohner der hohen Anden. In Cerro de Pasco z. B., jener höchstgelegenen Stadt der Welt, mit ihren reichen Silberminen, die aber schon so hoch in die peruanische Schneeregion hineingebaut ist, daß dort kein Grashalm über Tag emporschießt, der nicht das ganze Jahr hindurch, Nachts erfriert oder einschneit, tragen sie Futter für die übrigen Lastthiere aus den niederer gelegenen und warmen Thälern hinauf, und man begegnet da oft Trupps von zwei- bis dreihundert Stück.
Das Llama hat dabei, wie die meisten gezähmten Thiere, keine bestimmte Farbe, sondern man findet sie von fast jeder Schattirung, braun erstlich, wie das wilde Guanako im Süden (ein ganz ähnliches, aber noch nicht gezähmtes Thier), schwarz, weiß, gelb, vollständig getigert – nur nicht gestreift, und es giebt nichts Bunteres auf der Welt, als eine Heerde dieser hübschen Thiere. Ganz reizend sehen die kleinen jungen Llamas aus, mit ihrer seideweichen, dichten Wolle und dem prächtigen kleinen, dicken, gutmüthigen Gesicht, das aber doch schon den klugen, scheuen Ausdruck des Wildes trägt.
Allerdings werden diese Thiere, besonders in Peru, oft in die heiße Niederung und an das trockene Küstenland getrieben, um Produkte dorthin zu schaffen und Waaren dafür mit zurückzunehmen. Aber man läßt sie nie lange dort, denn jenes Clima sagt ihnen nicht zu und sie gedeihen nur in den kalten Höhen der Berge. Dort suchen sie sich auch genügsamer Weise das Futter an den feuchtesten, ja sumpfigsten Stellen, wo selbst kein Schaf weiden mag und kann. Das Llama aber mit seinen breiten Schalen sinkt nicht so leicht ein und ist dabei, weil es keine weiten Züge unternimmt, immer wieder leicht aufzufinden, wenn man seiner bedarf.
Der Ecuadorianer benutzt aber, wie schon gesagt, Alles fast zu Lastthieren, was laufen kann, indianische Frauen voran, dann Pferde, Esel, Maulthiere, ja selbst Ochsen, die man oft mit schweren Päcken beladen in die Berge steigen sieht. Das Llama ist aber vorzugsweise der ärmeren Klasse nützlich, da es die wenigste Unterhaltung und Pflege kostet. Ein Llama kann sich fast Jeder anschaffen und der Indianer thut dann keine weitere Arbeit damit, als daß er es vielleicht von der Weide nach Hause treibt, ihm die nöthige Ladung auflegt und seine Frau damit zu Markte schickt. Oft keucht dann die arme Frau – mit dem kleinen Kinde noch auf ihrer Last von Futterkräutern sitzend – hinterdrein und lenkt das Thier nur mit ihrer Stimme, – oft muß sie auch, wenn nicht so viel vorräthig ist, allein mit ihrer Ladung fort, während der Mann vielleicht leer hinter ihr drein schlendert und das von ihr gelöste Geld nachher in der Stadt vertrinkt.
Die Ecuadorianer, Männer wie Frauen, tragen fast Alles mit dem Kopf, und zwar nicht oben darauf, wie bei uns am Rhein, sondern die Last auf dem Rücken hängend und nur mit der Stirn stützend und haltend. So bringen sie Alles zu Markt, was das reiche Land bietet, und ihre Kleidung ist dabei selbstgesponnenes und gewobenes Zeug, das sie vom Uranfang an fertigen.
In den Thälern sind die kleinen Baumwollen-Anpflanzungen, und die Staude erreicht dort oft eine imposante Höhe, wie selbst nicht in den besten Distrikten Nordamerika's. Die Baumwolle, wenn gereift, pflücken sie aus den Kapseln und reinigen sie mit den Fingern von dem Samen, dann wird sie mit Spindel und Rocken gesponnen und nachher auf selbstgefertigten und oft rasch genug zugehauenen Webstühlen, die aber ihren Zweck vollständig erfüllen, gewebt.