Wunderlich sieht es aus, wenn ein Trupp dieser »Napos,« eben aus seinen wilden Thälern heraufsteigend, beim Betreten der Stadt einer Schaar geputzter Damen begegnet, die mit ihren Toiletten auch nicht um eines Zolles Breite von der neuest zu erlangenden Pariser Mode abweichen. Mit blumengeschmückten Hüten, riesigen Crinolinen, mit Spitzen und Bändern behangen und von Juwelen funkelnd, rauschen sie daher, und staunend bleiben die Indianer, besonders die jungen Frauen, ob der nie geahnten Herrlichkeit, stehen und schauen ihnen nach, so lange sie ihnen mit den Augen folgen können. Manches junge Indianermädchen wünscht sich dann auch wohl im Herzen thörichterweise einen ebensolchen Staat und ist doch in ihrer einfachen blauen Tunika viel schöner als die aufgetakelte Dame. Aber es geht das so in der Welt, und Aehnliches finden wir ja wohl auch sogar im alten Vaterlande. Wir brauchen deßhalb nicht nach Ecuador zu gehen.
Uebrigens kann ich hier noch gleich erwähnen, daß die Kleidung der vornehmen Ecuadorianer genau der unsrigen entspricht. Selbst den sonst stets getragenen südamerikanischen Poncho haben die Männer abgelegt und benutzen ihn höchstens noch dann und wann beim Reiten, und die Damen behielten beim Kirchgang in ihren schwarzen Gewändern die Mantilla bei. Sonst kommen die europäischen Moden so rasch hinüber, als sie der Dampfer nach Guajaquil und ein Maulthier dann in die Berge tragen kann, und die neueste Façon eines Hutes oder der Schnitt eines Kleides wird dort so eifrig besprochen wie bei uns.
Nur eine Klasse von Leuten ist es, die ihre Moden nicht wechselt, und das sind die Priester, von denen es eine wahre Unzahl in Quito giebt. Man kann versichert sein, daß, wenn man hundert Menschen auf der Straße trifft, dreißig davon Priester der verschiedensten Orden sind, die oft in den wunderlichsten Aufzügen die Straßen durchziehen. Besonders auffallend unter ihnen erscheinen die in weiße Kutten gekleideten padres de la Merced und bei der oberen Geistlichkeit mag die Tracht gehen. Entsetzlich aber sehen die untergeordneten Padres solcher Orden aus, und es gehört wirklich viel – sehr viel Andacht dazu, beim Anblick derselben an etwas Anderes zu denken, als an ihren schmutzigen Rock.
Noch muß ich erwähnen, daß Quito der Sitz der Intelligenz des ganzen nördlichen Theils von Südamerika ist und nur San Jago in Chile, was seine Schulen und Universitäten betrifft, mit ihm wetteifern kann. Außerdem leben in Quito eine wahre Unzahl von Malern und Bildhauern, die aber ihre Kunst zu viel gewerbsmäßig treiben. Die zahllosen Kirchen sind mit Holzschnitzereien, Verzierungen und Bildern überladen und müssen dadurch die Andacht des Betenden vollkommen ablenken, denn dessen Auge findet nirgends einen Ruhepunkt. Besonders ist die Malerei zu einer Art von Handwerk herabgewürdigt, und es giebt eine Menge von Malern, die lange Streifen von Leinwand in ihrem Atelier aufspannen, dieselbe in Gefache abtheilen und nun z. B. einen heiligen Antonius (der besonders dort verehrt wird) oder einen Anderen, genau in der nämlichen Stellung, so viele Male darauf malen, als er eben Raum findet. Solche Streifen werden dann auch nicht etwa zerschnitten und in Rahmen gefaßt, sondern aufgerollt und die Bilder beim Dutzend und nach der Elle verkauft. Herumziehende Händler kaufen die Bilder auf, und man kann mit gutem Gewissen behaupten, daß diese kleine Gebirgsstadt – mit Ausnahme einzelner, von Europa eingeführter Gemälde – die Kirchen von ganz Mittel- und Südamerika mit Heiligenbilder versorgt, die auch nicht nach dem Kunstwerth derselben, sondern nach dem Quadratfuß ihren Preis bestimmt bekommen. Uebrigens ist derselbe so billig, daß ich wirklich nicht begreife, wie nur Oelfarbe und Leinwand damit bezahlt werden.
Das muß man überhaupt den Quitenern lassen, es liegt ein Drang in ihnen, etwas zu thun und zu leisten, den man im niedern heißen Lande nirgends findet, und trotzdem thut die Lage ihrer eigenen, weit in die Berge hineingebauten Stadt dabei Alles, um sie daran zu verhindern oder es ihnen zu erschweren. Der einzige Hafen, durch welchen Quito bis jetzt mit der übrigen Welt in Verbindung stand, war Guajaquil (berühmt seiner Cacao-Ausfuhr und seiner Panamahüte wegen). Um Quito aber von dieser Seite her zu Maulthier zu erreichen, denn ein Maulthierpfad ist der einzige Verbindungsweg, braucht man gut fünf Tage, und Lastthiere gehen gewöhnlich fünfzehn bis siebzehn – ja in der Regenzeit ist der Weg gar nicht zu passiren und die Verbindung mit der See vollständig abgeschnitten.
Welchen Nachtheil das für eine betriebsame Stadt und die dichtgedrängte Bevölkerung des inneren Landes haben muß, läßt sich denken, und ganz wird diese Schwierigkeit nie zu heben sein. Dagegen läßt sich ein großer Theil derselben beseitigen, indem man eine andere und nähere Richtung zur Küste einschlägt und einen Weg dahin baut. Einen ziemlich guten Hafen besitzt Ecuador zu diesem Zweck noch im Pailon.
Der Ort liegt unmittelbar an der neugranadiensischen Grenze, und eine englische Compagnie, »die Ecuador land company,« hat dort bedeutende Landstrecken erworben und beabsichtigt einen Weg dorthin zu bauen. Gelingt das, und es liegt kein Grund vor weßhalb nicht, so wird sich nicht allein der quitenische Handel bedeutend heben, sondern Alles, was jene reichen, im Innern gelegenen Distrikte produciren, kann auch auf den Markt gebracht und verwerthet werden, und Pailon muß dann ein viel bedeutenderer Handelsplatz werden, als es jetzt Guajaquil ist.
Furchtbaren Schaden hat freilich der werthvollste und fruchtbarste Distrikt des ganzen Staates: die Provinz Imbaburru mit der Hauptstadt Ibarra durch das letzte Erdbeben erlitten. Ibarra selbst ist vollständig zerstört. 40,000 Menschen kamen dabei um und große Strecken cultivirten Landes wurden von heißem Wasser und Schlamm sowie Steingeröll überdeckt. Das Land wird Jahre gebrauchen um sich von diesem Unglück zu erholen.
Quito selber wurde nicht so schwer davon betroffen. An den neuesten Kirchen stürzten allerdings die Thürme ein und zahllose Häuser wurden beschädigt, aber trotzdem hat die große Stadt nur den Verlust von 15 Menschenleben dabei zu beklagen und ist reich genug um den Schaden bald wieder vergessen zu machen.
Leipzig, Druck von Giesecke & Devrient.