»Und habt Ihr das nicht etwa vorher gewußt, Sirrah?«

»Allerdings, Mr. Sikes,« erwiederte Bob ruhig, »aber was wir vorher nicht wußten, war, daß wir in einem solchen alten nichtsnutzigen Wrack auf eine solche Reise geschickt werden sollten. Angemalt hatten sie das alte Ding wieder hübsch genug, aber die Farbe hielt das Seewasser nur nicht heraus, und jeden Tag, ein paar Jahre lang zwei oder drei Stunden an den verdammten Pumpen hängen, ist auch eben kein Vergnügen.«

»Und trägt Euer Kapitän daran die Schuld?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Bob vorsichtig; »wir haben es hier aber gar nicht mit dem Kapitän zu thun, wir wissen nicht einmal, wo er mit dem Schiffe steckt, und können ihn nicht suchen, ohne uns der größten Lebensgefahr auszusetzen. Den Nebel hat der liebe Gott geschickt – es ist ein Naturereigniß, gegen das wir nicht im Stande sind anzukämpfen, und wenn wir uns jetzt weigern, auf's Gerathewohl mitten in den Ozean hinauszufahren, um dort vielleicht elend zu Grunde zu gehen, so ist das keine Meuterei, sondern nur einfache Selbsterhaltung. Wüßten wir gewiß, nach welcher Richtung wir die Martha's-vine-yard suchen sollten, und läge der Nebel nicht so dick, es würde Keinem von uns einfallen, seiner Pflicht zuwider zu handeln.«

»Dann macht, was Ihr wollt,« rief der Bootssteuerer, das Beil, das er noch immer in den Händen hielt, ingrimmig auf den Boden des Bootes schleudernd; »ich habe dann aber mit der Führung des Fahrzeugs Nichts mehr zu thun, und betrachte mich als Gefangenen.«

»Das können Sie nun machen, wie Sie wollen,« lachte Bill. Bob aber schüttelte den Kopf und rief: »Nein, Mr. Sikes, Sie sind so wenig ein Gefangener als ich oder Einer der Anderen, aber daß Sie nicht mehr steuern wollen, kann ich Ihnen nicht verdenken. Als Offizier des Boots ist es vielleicht Ihre Pflicht, bis zum letzten Moment auszuhalten, und wenn es später einmal nöthig werden sollte, wollen wir Ihnen gern bezeugen, daß Sie Ihre Schuldigkeit gethan und sich nur gezwungen der Mehrzahl fügten. Wollen Sie mir das Steuer erlauben – wir wechseln nachher ab, Jungens, damit sich Jeder ein wenig ausruhen kann – und drei Riemen bringen uns ziemlich eben so rasch von der Stelle als vier – also vorwärts, meine Burschen. Bis nicht die Sonne so hoch kommt, daß wir sie sehen können, müssen wir uns nach dem Kompaß richten, und wo wir jetzt die Küste zuerst treffen, bleibt sich gleich. Wir rudern nachher so lange daran hinauf, bis wir am Ufer irgendwo eine Landung, oder einen bewohnten Platz finden können.«

Das Boot hatte sich indessen, und während der Verhandlung, langsam wieder gedreht und lag jetzt mit seinem Bug Südosten an. Bob brachte es mit einer einzigen Bewegung seines langen Ruders in den richtigen Kurs und die Matrosen legten sich jetzt aus Leibeskräften in die Riemen, um die Entfernung zwischen sich und dem Schiff nur so viel als möglich zu vergrößern, ehe der Nebel wich, und jeder Gefahr enthoben zu sein, wieder an Bord zurückkehren zu müssen. – An Land! es liegt für den Matrosen, wenn er sich lange Monate auf See herumgetrieben hat, ein eigener Zauber in dem Wort, und daß Keiner von ihnen auch nur einen Cent Geld bei sich trug, was kümmerte es sie, leichtsinniges Volk, das ja doch nur immer in den Tag hinein lebt, und jeden Einzelnen für sich selber sorgen läßt.

Jeder Seemann – überhaupt jeder Mensch, der viel in der freien Natur lebt, wie am Lande der Jäger, der Schäfer, der Hirt, ist abergläubisch. Er verkehrt zu unmittelbar mit den Elementen und ihren gewaltigen Wirkungen und Erscheinungen, und während er die Größe Gottes anstaunt, schleicht sich auch noch ein anderes Gefühl in sein Herz, – das Gefühl seiner eigenen Machtlosigkeit und Kleinheit, die ihn verhindert, gegen die ihn übervoll umgebenden geheimen Kräfte anzukämpfen. Er glaubt dabei an Vorbedeutungen und alle nur erdenkbaren Einflüsse feindlicher Mächte, und das ist schon so weit gegangen, daß in früheren Zeiten Matrosen ein unglückliches und vollkommen unschuldiges Menschenkind von ihrem Schiffe ausgestoßen und einem offenen Boot übergeben haben, weil sie den wahnsinnigen Gedanken gefaßt, daß dessen Anwesenheit an Bord allein verschiedene Unglücksfälle über sie heraufbeschworen habe und dem Schiff zuletzt verderblich werden müßte.

So hatte sich auch, schon vor Wochen, auf der Martha's-vine-yard der Glaube unter den Matrosen festgesetzt, daß ihr Schiff dem Unglück verfallen wäre, und keinen einzigen Fisch langseit bekommen würde – geschähe das aber wirklich, dann käme auch – wie schon damals – augenblicklich ein Sturm und zwänge sie, die schwer erkämpfte Beute wieder loszuwerfen und preiszugeben. Der gestrige Tag mit seinen Widerwärtigkeiten mußte sie denn noch mehr und fester in diesem Aberglauben bestärken, und tausendmal lieber wollten sie sich allen Gefahren aussetzen, die ihnen ein vollständig unbekanntes Land oder eine fremde Küste boten, als daß sie versucht hätten, ihr eigenes Schiff wieder zu finden.

Uebrigens rechtfertigte der nicht weichende Nebel wenigstens zum Theil ihre Flucht, denn so lange dieser anhielt, hatte sie in der That nur ein Zufall ihr Schiff treffen lassen, während sie, in der Irre umherfahrend, ohne Provisionen und Wasser, einer weit größeren Gefahr ausgesetzt waren, als ihnen das fremde Ufer bieten konnte.