Und die Sonne sank – zu sehen war sie nicht, aber der Nebel nahm eine immer grauere und dunklere Färbung an, bis der am Steuer sitzende Bob nicht einmal mehr den Kompaß erkennen konnte. Was nun? – es blieb ihnen Nichts weiter übrig, als ihr Boot ruhig treiben zu lassen. Die Strömung setzte sie hier, wie sie recht gut wußten, keinenfalls vom Lande ab, sondern viel eher nach Norden zu, und das war weiter kein Schade oder Verlust. Und dabei befand sich kein Tropfen Wasser mehr im Boot – keine Krume Schiffszwieback – aber die präservirten Töpfe – von den Matrosen hatte noch Keiner daran gedacht, ja vielleicht gewußt, daß sie sich dort befanden. Der Bootssteuerer legte sein Ruder ein, ging zurück zum Spintje, holte die zwei ziemlich großen Blechbüchsen heraus, stellte sie neben das Steuerruder und nahm dann, ohne ein Wort zu sprechen, seinen Sitz wieder ein.
»God bless you Mate,« sagte der alte Bob, als er die neue unerwartete Hülfe sah, »das kam zur rechten Zeit, um unser Volk bei Kräften zu erhalten. So ein Spintje ist Geld werth – wenn wir nur auch eine Flasche Wasser darin gefunden hätten.«
»Es steht noch eine halbe Flasche Rum drinnen,« sagte der Bootssteuerer.
»Beim Himmel, an den Rum hatte ich gar nicht mehr gedacht,« rief Bob, »und nun kommt, Jungens – morgen früh speisen wir vielleicht Bananen und Kokosnüsse. – Wetter noch einmal, das Wasser läuft mir im Mund zusammen, wenn ich an so eine frischgepflückte Kokosnuß denke.«
Die eine Blechbüchse war bald geöffnet; sie enthielt eingekochten, frischen Hammelsbraten, der sich noch ausgezeichnet gehalten hatte, und wenn er auch für die fünf Männer keine volle Mahlzeit gab, so genügte der Inhalt doch wenigstens, ihren Hunger zu stillen. Ein Schluck Rum, dessen sparsame Vertheilung der alte Bob übernehmen mußte, half den Durst etwas löschen, und die vom langen Rudern ermatteten Seeleute streckten sich dann wieder, so gut es gehen wollte, im Boot aus, um ihre müden Glieder auszuruhen. Wache wurde indessen nicht gehalten, denn bei todter Windstille konnte auch kein größeres Schiff segeln, und es war deshalb unmöglich, daß sie mit einem solchen zusammentrafen. Sie brauchten keine Störung zu fürchten.
Es mochte etwas nach Mitternacht sein, als der Bootssteuerer erwachte. Der Durst peinigte ihn, und er bog sich über den Rand des Bootes und goß sich Wasser mit der Hand über den Kopf, um sich dadurch zu erfrischen und abzukühlen. Wie er noch so da lag und es wieder abtropfen ließ, kam es ihm vor, als ob er in der Ferne ein dumpfes Brausen höre. Was konnte das sein? Er hob den Kopf und horchte – ein Dampfboot vielleicht, das seine Fahrt die Küste entlang hatte? – Doch blieb das Geräusch an der nämlichen Stelle. – Aber er fühlte jetzt auch, daß sich der Wind erhoben hatte – leise zwar noch und kaum bemerkbar, aber es wehte doch ein schwacher Luftzug, dem jetzt auch sicher der Nebel weichen mußte.
»Bob!« rief er leise und schüttelte den neben ihm liegenden alten Mann.
»Ja wohl, Sir,« sagte dieser, noch voll im Schlaf; »halben Strich an Leebug.«
»Bob,« flüsterte der Bootssteuerer aber wieder, denn er wollte nicht gleich die ganze Mannschaft stören. »Der Wind erhebt sich – wir kriegen Brise ...«
»Das wär' recht!« rief der Seemann jetzt völlig munter und vergnügt aus. »Bei George, da ist schon eine Mütze voll, aber die Luft kann noch nicht durch den Nebel durch; sie streift nur darüber hin und drückt ihn immer fester auf die See nieder. Sehen Sie da oben, Mr. Sikes? – Da zuckt richtig schon ein Stern heraus.«