»O,« sagte Bill gutmüthig schmunzelnd, »ich – ich bin gar nicht böse und – wenn es nicht anders sein könnte –«
»Ich weiß nicht,« unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie die traurigen Verhältnisse unseres Landes kennen. Der Bürgerkrieg wüthet auf das Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und während ehrgeizige Menschen unaufhörlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fließt unschuldiges Blut in Strömen, und brave, ruhige Menschen werden unglücklich und elend gemacht.«
»Eine schöne Wirthschaft scheint hier zu sein,« nickte Bill, die Erzählung interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als daß er nicht auch zugleich einen verlangenden Blick nach dem Herd hinüber geworfen hätte, und die junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: »Wie ist es mit dem Essen, Sarah, unser Gast ist hungrig.«
»Es ist fertig,« erwiederte die Negerin, »wir können anfangen.«
»Wenn Sie denn nichts dagegen haben,« meinte Bill, indem er aufstand, »so darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rücken, ich breche mir sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab – so,« fuhr er fort, indem ihm die Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinüberhob und sich wieder daneben niederließ, »jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man sich anlehnen kann – die Wand wird sich doch nicht hinausdrücken?« – Die elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Früchte und Käse auf den Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, ließ sich Bill nicht lange nöthigen und griff wacker zu.
Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorüberging, fuhr leise fort: »Wir sind in der That hier recht unglücklich in Neu-Granada, und nur die Hoffnung, daß Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen würde, hatte uns bis jetzt noch aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Städtchen, Karthago genannt, und oben in den Kordilleren so zurückgezogen und entfernt von dem eigentlichen Kriegsschauplatz, daß wir wenig von den steten Unruhen hörten. Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl der Bevölkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da plötzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den Bergen nieder, überfiel Karthago, plünderte und brandschatzte die Stadt, beging außerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der unglücklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier an der Küste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise überfielen und besetzten.
»Zufällig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich zurückkehre und unsere Heimath verwüstet und Leichen überall umher gestreut finde. Es war ein schwacher Trost zu hören, daß mein Gatte nur gefangen sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen behandelt. In rohe Häute genäht – um den Zurückbleibenden Entsetzen einzuflößen – waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich den Spuren der Mörder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich könnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermüden, aber von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine Freundin – meine alte Sarah dort, die früher in dem Haus meiner Eltern gewesen. Mit ihrer Hülfe erfuhr ich auch – während mein Name streng geheim gehalten wurde – daß mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und geschlossen liege, und die Räuber unter sich nur noch nicht einig seien, ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen, erschießen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.«
»Hm,« brummte Bill, dem die Erzählung höchst wunderbar vorkam, während er aber noch immer nicht begriff, was für eine Ursache die junge Frau gehabt haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und mitzuschleppen. »Das scheint ja recht hübsch hier zuzugehen. Und giebt es denn da gar keine Obrigkeit?«
»Du lieber Gott,« sagte die junge Frau, »die Behörden haben keinen eigenen Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten ein. Es sind lauter Verräther an ihrem Vaterland, und welche Rücksicht würden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!«
»Ja aber –« sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fühlte. Er empfand mit dem Unglück der bildhübschen jungen Frau ihm gegenüber wirkliches Mitleid, wenn er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen könne – »das ist soweit recht gut – oder eigentlich wollte ich sagen recht niederträchtig, denn das muß ein schönes Gesindel sein, das mit Morden und Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun? Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier hätten, so ließe sich noch eher ein Wort darüber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen? Hinausjagen können wir sie doch nicht, und sie schössen uns einfach vor den Kopf.«