»Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht helfen können,« sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. – »Ach, als ich Euch an unserer Küste landen sah und dabei wußte, wie ich hier, in meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschützer hatte, der es wagen würde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir, als ob Gott selber Euch zu meiner Hülfe gesandt, und nicht im Stande, den Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hülfe zu erbitten. Darin wußte ich, daß mir die Neu-Granadienser beistehen würden, denn es ist schon oft vorgekommen, daß Fremde an dieser Küste ein Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath zurückzukehren, und nur so konnte ich unverdächtigt mit Euch Verkehr unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.«
»Aber, beste Frau,« sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes Herz hätte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Möglichkeit eines Gelingens sah – »wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen, wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?«
»Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns!« rief die junge Frau rasch – »hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, daß Buenaventura im Herzen Mosquera anhängt und mit Freuden das Joch der Godos abschütteln würde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg sähen. Wir sind auch nicht ohne Nachricht von draußen. Sarah's Neffe, ein braver tüchtiger Bursche und ein treuer Anhänger Mosquera's, war nach der Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem General die Versicherung erhalten, daß er ihm auf dem Fuße folgen würde, um die Stadt zu entsetzen und die Verräther zu züchtigen. Er ist gestern erst zurückgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.«
»Na,« sagte Bill vergnügt, »dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache macht sich von selber.«
»Aber die Godos,« fuhr die Frau fort, »müssen durch ihre Spione wohl auch Verdacht geschöpft haben, daß sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden könnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen, um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglücklichen Gefangenen, damit diese nicht später als Ankläger gegen sie auftreten können.«
»Dann sind wir wieder so weit wie vorher,« seufzte Bill, »denn wenn uns die Mosquera-Bursche nicht helfen, können wir die verfluchten Kerle doch hier drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.«
»So bin ich verloren,« stöhnte die arme junge Frau, und während ihr die großen hellen Thränen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und faltete verzweifelnd die Hände im Schooß.
Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte besonders keinen Menschen weinen sehen – die Schiffsjungen vielleicht ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt zu werden – und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber daß das arme junge Wesen da vor ihm Thränen vergießen sollte – Thränen, weil er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnürte ihm ordentlich die Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine breite, wetterharte Hand ihr über den Tisch hinüberreichend, sagte er gutmüthig: »Weinen Sie nicht, Madame – thun Sie's mir zu Liebe und weinen Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich weiß jetzt, wo's fehlt. Den Teufel auch – entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein häßliches Wort herausfährt, an Bord lernt man nicht viel weiter – meine shipmates sind auch noch vier kräftige Bursche, und wer weiß, was sich noch Alles thun läßt. Außerdem haben wir das Boot und – für jetzt freilich kann man nichts versprechen, man muß eben sehen, was kommt. Aber wissen möcht' ich nur, wo das Gefängniß ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst danach erkundigen muß.«
»Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurückgehen, begleiten,« sagte die junge Frau, »und an dem Platz vorüberführen – aber Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?«
»Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewöhnt,« sagte Bill etwas verlegen. »Für den Durst ist es wohl gut, es schnürt Einem den Magen zusammen – ein Glas Grog wäre mir lieber.«