»Aber das ist ja doch schon geschehen!« rief der Regierungsrath schnell.
»Das bleibt sich gleich,« entgegnete ruhig der Doktor, »kein Arzt auf der Welt kann sich und darf sich auf die bloße Aussage eines Patienten verlassen. Er muß die Sache selber und gründlich untersuchen und wenn er und sein Hülfsarzt dann die feste Ueberzeugung Ihres Zustandes erhalten haben – werden sie Ihnen das Nämliche sagen, was Sie von mir gehört.«
»Und wohin also soll ich reisen?« stöhnte der Geheime Regierungsrath in Verzweiflung.
»Direkt nach Gotha und von da nach Reinhardtsbrunn. Dort sind Sie mitten im Wald, und für ein bequem gelegenes Pirschhaus werde ich selber Sorge tragen – ich gebe Ihnen einen Brief mit.«
Dabei blieb es; der Geheime Regierungsrath, das Herz zum Brechen voll und noch immer in peinlichster Ungewißheit, ob ihm die wunderliche Kur überhaupt etwas nützen werde und er nicht trotzdem ein »verlorner Mann« sei, packte noch an dem nämlichen Abend seine Sachen zusammen. Aber noch ein anderer Gedanke beunruhigte ihn. Er war nämlich nicht gewohnt baarfuß zu gehen – selbst im Sommer beim Baden, was er aber auch nur sehr spärlich betrieb, genirte es ihn immer ungemein, wenn er die wenigen Schritte in bloßen Füßen machen mußte, und jetzt sollte er eine ganze Stunde baarfuß im Wald und auf den scharfen Fichtennadeln herumlaufen; das ging unmöglich und er mußte deßhalb den Doktor fragen, ob er seine kurzen Stiefel anbehalten dürfe. Das gestand ihm dieser denn auch zu; auch seinen Strohhut durfte er aufbehalten.
Aber noch eins – er litt nicht selten an Halsschmerzen und war ebenso wenig gewohnt im bloßen Hals wie in bloßen Füßen zu gehen – wenn er nur noch wenigstens seine Cravatte –
Der Doktor bekam den Quälgeist, der ihm keinen Moment Ruhe ließ, satt:
»Meinetwegen behalten Sie auch die Cravatte um,« rief er endlich ärgerlich, »aber das ist das Aeußerste, was ich Ihnen erlauben kann, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen, denn wenn Sie das schöne warme Wetter nicht benutzen, wird es zu spät in der Jahreszeit und Sie sind nicht mehr zu retten.«
Damit ging der Doktor, nachdem er dem Patienten noch vorher ein genaues Verzeichniß seiner nächsten Lebensweise eingehändigt, und der Geheime Regierungsrath blieb mit dem nagenden Wurm im Herzen zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen und den nächsten Morgenzug nicht zu versäumen.
Ein Luftbad! Es war ein schrecklicher Gedanke, eine volle Stunde in der Schöpfungstracht umher zu laufen, nur um seine Trichinen an die Luft zu setzen – und wo hatte er je gelesen, daß irgend ein ähnliches Mittel gegen diese unseligste aller Krankheiten erprobt oder gar nur erwähnt sei. Und wenn er nun noch vorher einen andern Arzt deßhalb zu Rathe zog? – aber die verfluchten Harpunen! Er hatte an der einen Operation vollständig genug und dachte nicht daran, sich einer zweiten auszusetzen. Ueberdies konnte er ja kaum noch mehr zweifeln; er war nicht allein durch das Mikroscop selber überzeugt worden, nein – er fühlte auch im eigenen Körper die furchtbare Wahrheit der Entdeckung, und es ließ ihm jetzt selber keine Ruhe mehr, nur so rasch als irgend möglich den Ort seiner Bestimmung zu erreichen und dort seine Kur zu beginnen.