Die Reise selber verlief ohne weitere Fährlichkeiten und wäre bei dem herrlichen Wetter wirklich ein Genuß gewesen, dem sich aber der unglückliche Patient nicht mit ganzer Seele hingeben konnte, da er nur immer und ununterbrochen an seinen trostlosen Zustand denken mußte. Er war reich und im Besitz aller Lebensgüter; er war sogar Geheimer Regierungsrath und hatte den blauen Finkenorden vierter Klasse: aber wie beneidete er selbst die armen Weichensteller, die niedrigsten Handlanger an der Bahn, die armen Menschen, die zerlumpt und schmutzig ihren verschiedenen Beschäftigungen nachgingen, nur um ihr dürftiges Brod zu verdienen, denn sie waren wenigstens gesund – sie hatten keine Trichinen und sahen nicht ein offenes Grab vor sich, wo sie gingen und standen.

Wie oft kam ihm dabei der Gedanke: oh, wenn Du diesen Menschen ihren gesunden Körper abkaufen könntest – wenn Du ihnen drei-, vier- – ja zehntausend Thaler dafür bötest, sicherlich gingen sie mit Freuden den Handel ein und Du – aber es war ja nicht möglich. Geld kann alle Genüsse des Lebens kaufen, aber nicht das Leben selber, wo gäbe es auch sonst einen kranken reichen Mann und einen gesunden Armen! nein, er war verdammt, sein Leiden selber zu ertragen und keine Schätze der Welt konnten ihn davon befreien – wenn auch die vorgeschriebene Kur Nichts nutzte. –

»Trichinen!« stöhnte er dabei vor sich hin – »es ist unglaublich – fabelhaft – Tausende von Jahren steht die Welt schon und wer hat je in seinem ganzen Leben oder in irgend einem anderen Jahrhundert etwas von solchen Bestien gehört und wie viel Millionen Schweine sind in der Zeit verzehrt worden. Moses war aber gescheidt; der hat seinen Juden das Fleisch gleich verboten, der muß auch gewußt haben weßhalb, ob der sie schon damals entdeckt hat! – aber anstatt nachher das Maul aufzuthun und zu sagen so und so – hütet Euch vor dem Fleisch, es sind kleine Beester darin, kommt er mit seinem verfluchten Geheimniß und seiner Wichtigthuerei – mit seinem: Gehorcht nur meinen Befehlen, Ihr braucht gar nicht zu wissen weßhalb. Daß Dich der –«

Der Geheime Regierungsrath war ganz im Geheimen, denn ihm gegenüber saß ebenfalls eine Geheime Commerzienräthin im Coupé erster Classe – wüthend auf sich, auf die ganze Welt und besonders auf Moses – gewiß der unschuldigste von Allen an seinem Leiden, und als sie endlich in Gotha anlangten und ein sehr hübsch frisirter Kellner ihm durch das Wagenfenster einen Teller mit Würstchen präsentirte, und die Geheime Commerzienräthin ihm entsetzt zurief: »Essen Sie um Gottes Willen keine davon; es sind Trichinen darin!« gab es ihm ordentlich einen Stich in's Herz.

Es sind Trichinen darin – Du lieber Gott, er hatte selber mehr als die kleine Wurst und wenn er sie auch im Stillen trug, in diesem Augenblick fühlte er jede einzelne sich bewegen und drängen und bohren.

Luft! er verging fast in dem engen Coupé und den Kellner mit seinem Teller, auf welchem ganz friedlich Würste, Malzbonbons und Apfelsinen lagen, bei Seite drängend, stürmte er an die Kasse, um sich ein Billet nach Fröttstett zu lösen und von da mit der Pferdebahn weiter zu gehen.

Abends spät langte er endlich in Reinhardtsbrunn an und wurde – nachdem er seinen Brief abgegeben hatte, weiter nach Tambach dirigirt und der Förster dort angewiesen, den Herrn am nächsten Tag zu einem bestimmten und nicht mehr benutzten Pirschhaus zu bringen, wozu er ihm auch den Schlüssel übergeben konnte.

Der Geheime Regierungsrath begann jetzt seine Kur zuerst mit einem entsetzlich dünnen Kaffee und trocknem Weißbrod, dann wanderte er in Begleitung eines Forstgehülfen, der aus dem wunderlichen Menschen gar nicht klug werden konnte, in die Berge hinein, bis sie das allerdings versteckt genug gelegene Pirschhaus erreichten. Der junge Forstmann, der selber im Wald zu thun hatte, versprach in etwa drei oder vier Stunden wieder vorzukommen und ihn abzuholen, damit er sich nicht am ersten Tag und in dem fremden Wald verirre, denn auf dem Rückweg sehe so ein Platz immer ganz anders aus, als auf dem Hinweg, und ließ ihn dann allein.

Eine bessere Gelegenheit, um eine ähnliche Procedur vorzunehmen, wie sie der Geheime Regierungsrath beabsichtigte, hätte sich freilich auf der ganzen Welt nicht finden können. Das kleine Bretterhäuschen war versteckt in den Wald hineingebaut, auf einer schmalen Lichtung, die, wenn das Auge derselben thalwärts folgte, einen ganz reizenden Fernblick über das weite, wie mit einem blauen Duft übergossene Land gewährte. Und der würzige Harzgeruch hier oben, das Zwitschern der Vögel, das zuweilen nur durch den heiseren Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde – und diese Einsamkeit. Hier allerdings hatte er keine Störung zu befürchten, denn ohne des jungen Forstmanns Führung würde er sich nie allein hier heraufgefunden haben. Auch der lange Marsch hatte ihn wohl erschöpft, aber that ihm doch gut und er ging jetzt vor allen Dingen daran, das Terrain selber ein wenig zu sondiren.

Das Pirschhaus bestand nur aus vier einfachen Bretterwänden, mit einem guten Dach und einem kleinen, eisernen Ofen darin, um an rauhen Tagen den Ort behaglicher zu machen. Gespaltenes Holz lag ebenfalls in Vorrath darin. Sonst stand noch dort eine Bettstelle aus weißem Holz mit einer reinlichen Seegrasmatratze und einer wollenen Decke darauf, auch ein Wasserkrug und ein Glas, wie ein paar irdene Töpfe, falls einmal einer der Forstbeamten genöthigt wäre, dort oben ein paar Tage zuzubringen.