Der Geheime Regierungsrath benutzte aber von alle dem Nichts als das Bett; er war müde geworden und streckte sich jetzt behaglich darauf aus, um ein wenig zu ruhen.
Sonderbar – zu Hause hatte er eine Stahlfeder- und darüber eine Roßhaarmatratze und die weichsten Kissen, und doch war ihm sein Lager immer zu hart gewesen und hier auf der festgestopften Seegrasmatratze lag sich's so merkwürdig bequem. Aber seine Gedanken ließen ihn nicht ruhen: Ein Luftbad – es war das Außerordentlichste, von dem er je gehört, und Trichinen, die kaum durch Siedehitze getödtet werden konnten – und selbst darüber war man noch in Zweifel – sollten umkommen, wenn er über Tag eine Stunde nackt im Wald herumlief? Er hätte doch noch eigentlich einen andern Arzt fragen sollen, denn er begriff die Möglichkeit nicht – aber die verfluchten Harpunen. Und wenn ihm das Alles nun Nichts half? Wenn er kränker nach Hause zurückkehrte als er gekommen und dann seinen Tod – den furchtbarsten Tod, den sich ein Mensch nur denken oder ausmalen kann, rettungslos vor Augen sah? Aber Doktor Asmus hatte mit solcher Zuversicht von seiner Kur gesprochen – von Amerika waren überhaupt schon so merkwürdige Entdeckungen herübergekommen – der Versuch mußte jedenfalls gemacht werden, es war ja auch seine letzte, verzweifelte Hoffnung.
Uebrigens befolgte er jetzt getreu die Anweisung des Doktors, dessen Zettel er in seiner Brieftasche immer bei sich trug. Er war, nach einer Rast von etwa anderthalb Stunden vollständig abgekühlt, entkleidete sich deßhalb, zog nur seine Schwimmhosen an, band sich die Cravatte wieder um, damit er seinen Hals nicht erkälte, setzte den Strohhut auf und stieg dann in seinen Halbstiefeln etwas verschämt in den grünen Wald hinaus, dessen Schatten er der brennenden Sonne wegen nothwendig brauchte. Es war dort aber Alles so offen – er konnte so weit zwischen die hohen schlanken Bäume hineinsehen – wenn da nun plötzlich Jemand heraufgekommen und ihm in diesem Zustand begegnet wäre – aber es kam Niemand. Der Wald lag hier öde und einsam und nur in der ersten Zeit überraschte und erschreckte ihn dann und wann einmal ein Eichhörnchen, das vielleicht von Stamm zu Stamm sprang, oder auch wohl ein, keine Gefahr ahnendes Reh, das über die Lichtung wechseln wollte und scheu der wunderlichen, hier oben sicher nicht vermutheten Gestalt entfloh.
Allerdings hörte er einmal einen Schuß fallen – aber weit weg, der Jäger kam nicht her zu ihm, und allmählich fing er an, sich sicherer zu fühlen. Auch die warme Luft that ihm wohl; er hatte mäßig gegessen und einen langen Spaziergang gemacht; er fühlte sogar, daß er wieder Hunger bekam, und wanderte behaglich seine ihm aufgegebene Zeit im Freien hin und her. Dann ging er in das Pirschhaus zurück, zog sich wieder an, packte, was er hier oben behalten wollte, zusammen und erwartete nachher, auf dem schwellenden Moos ausgestreckt und eine gute Cigarre rauchend – denn das hatte ihm der Doktor glücklicher Weise nicht verboten, den Forstgehilfen, der auch ziemlich genau zur versprochenen Zeit eintraf und mit ihm zu Thal stieg.
Von jetzt an besuchte er jeden Morgen regelmäßig das Pirschhaus, und da ihn auch das Wetter außerordentlich begünstigte – denn nur ein einziger Regentag unterbrach einmal für 24 Stunden die Kur – so durfte er sich selber wahrlich keine Vorwürfe machen, irgend etwas versäumt zu haben, was ihm aufgegeben war. Die Lage des alten Pirschhauses schien außerdem vortrefflich gewählt, daß sich Niemand in diese abgelegene Gegend, an der gar kein begangener Pfad vorüberführte, verstieg. Es war auch allerdings nur in früheren Jahren für die Auerhahn-Balz gebaut, da es damals, gerade an diesem Hang sehr viele Auerhähne gab. Wie das aber mit diesem wunderlichen Geflügel so häufig geht, daß sie Jahre lang irgend einen bestimmten Stand haben und Nacht um Nacht den nämlichen Baum zu ihrem Ruheplatz wählen, dann aber plötzlich die Gegend verlassen, um sich an irgend einen anderen entfernten Hang hinüberzuziehen, so war es auch hier geschehen. Die Forstung des Holzes hatte es nöthig gemacht, in der Nachbarschaft einen Schlag anzulegen und das mußten die Auerhähne übel genommen haben. Im nächsten Frühjahr balzte dort nicht ein Einziger mehr, und das Pirschhaus wurde von da ab nur noch zu Zeiten von Forstleuten benutzt, die dann und wann einmal jene Waldstrecke begehen und überwachen mußten, um etwaigem Wildfrevel zu begegnen.
Der geheime Regierungsrath zweifelte allerdings noch immer im Stillen an der Möglichkeit seiner Kur; es kam ihm zu merkwürdig vor, daß ein so einfaches, äußerliches Mittel den inneren Feind bezwingen solle, aber er konnte sich auch nicht verhehlen, daß sich sein Zustand in den wenigen Wochen wesentlich gebessert habe. Seine quälenden Beängstigungen hatten ihn vollständig verlassen; schlaflose Nächte kannte er gar nicht mehr, und wenn er sich Abends, allerdings ziemlich ermüdet, auf sein Lager warf, lag er im Nu in Morpheus' Armen, ja der Hausknecht hatte sogar jeden Morgen Mühe, ihn nur wieder wach zu bekommen. Und was für einen Appetit entwickelte er selbst gegen die sonst so verachtete Wassersuppe. Ebenso fühlten sich seine Glieder freier; er empfand kein Prickeln und Stechen mehr, kein Wühlen und Bohren, er war mit einem Wort ein anderer Mensch geworden, und wenn er sich jetzt die Möglichkeit dachte, daß er sogar von seinen geheimen Quälgeistern befreit sein könne, so hätte er laut aufjubeln mögen vor lauter Seligkeit.
Auch in seinen Bewegungen dort oben an dem Berghang war er freier geworden, denn er fühlte sich jetzt sicher, daß er nicht gestört werden könne. Einmal allerdings hatte er im Wald ein paar Kinder angetroffen, die nach Heidelbeeren suchten und sich ausnahmsweise dort hinauf verloren haben mochten. Diese aber erschracken so furchtbar bei seinem Anblick und stürzten sich in so wilder Flucht den ziemlich steilen Hang hinunter, daß er sie gar nicht über seine Ungefährlichkeit beruhigen konnte. Er bekam sie von da an auch nie wieder zu sehen.
Und wo war sein Bauch geblieben, wo sein Halsleiden? Den Hals hielt er sich allerdings noch immer warm und die Cravatte legte er nicht ab, aber er spürte nicht das Geringste mehr von seinen sonstigen Schmerzen und war selbst keinen Erkältungen mehr ausgesetzt.
Wo hätte er sonst es wagen dürfen, Abends nach Sonnenuntergang an irgend einem der Nachtluft zugänglichen Ort zu verweilen? Jetzt saß er regelmäßig jeden Abend bis zehn oder halb elf Uhr mit dem Förster in dessen Garten, wobei ihn nur das genirte, daß der Förster Bier trank und dieses noch bei ihm zu den verbotenen Genüssen zählte.
Aber Gott sei Dank nicht lange mehr – morgen war seine monatliche Kur um, dieselbe gewissenhaft zu dreißig Tagen gerechnet. Selbst den einen Regentag hatte er sich nicht geschenkt, sondern dafür eben diesen letzten zugegeben, sonst würde er sich schon heute als freier – als trichinenfreier Mensch haben betrachten können. Seine Gewissenhaftigkeit ließ das aber nicht zu; er hatte dem Doctor sein Wort gegeben und wollte es halten – nur heute noch, dann hatte er ja doch Alles überstanden.