Uebrigens wurde es auch Zeit, daß er hier fortkam, wenn er sein Incognito – denn er reiste unter dem unscheinbaren Namen Müller – hier noch länger bewahren wollte, da fast mit jedem Tage neue Fremde ankamen. Reinhardtsbrunn und Friedrichsroda waren nämlich schon so überfüllt von Gästen, daß dort kaum noch Einzelne untergebracht werden konnten, und die Folge davon die, daß sich die Fremden über die nächsten kleinen Orte in der Nachbarschaft und natürlich im Wald zerstreuten. Tambach hatte denn auch schon fünf oder sechs Berliner Familien als Einquartierung erhalten. Er verkehrte übrigens gar nicht mit ihnen. Es lag ihm Nichts daran, hier neue Bekanntschaften anzuknüpfen; trug er doch nicht einmal seinen Orden, denn er war als wirklicher Geheimer Regierungsrath hierher gekommen. Was kümmerten ihn auch die Berliner, die nur hierher gefahren schienen, um sich über Alles lustig zu machen. Auf heute Abend schon hatte er sich eine Extrapost nach Gotha zur nächsten Eisenbahnstation bestellt und mit diesem beruhigenden Gefühl trat er zum letzten Mal seine Wanderung in die Berge an.

Und jetzt that es ihm fast leid, daß er den schönen Wald wieder so bald verlassen sollte. Früher hatte er allerdings nicht begriffen, wie man an Bäumen ein solches Vergnügen haben könne, wenn sie nicht gemalt im Zimmer hingen oder als Coulissen auf dem Theater standen; er war bis jetzt ein reiner »Stadtmensch« gewesen, der nur eine Existenz in regelmäßigen Straßen und Alleen für möglich und erträglich hielt. Jetzt hatte sich das geändert und er sogar gelernt, Freude an dem geheimnißvollen Rauschen der Wipfel zu finden und dem Zwitschern der Vögel fast mit ebenso viel Vergnügen zu lauschen, als sonst irgend einer berühmten Sängerin oder einem Virtuosen. Auch das »Luftbad,« vor dem er sich früher gefürchtet, war ihm liebgeworden und dabei, mit dem Wald dort oben, ja mit jedem Baum in der langen Zeit bekannt geworden, hatte er den anfänglichen Kreislauf um das Haus, mit dem er begonnen, nach und nach zu einem wirklichen kleinen Spaziergang ausgedehnt. Besonders zog ihn dabei eine Stelle an, die tief versteckt im Dickicht lag und wo er, von einem vorspringenden Felsen aus eine dicht unter ihm liegende kleine, nicht sehr verwachsene Dickung, mit offenen Rasenflecken darin, übersehen konnte. Dort drinnen stand regelmäßig in dieser Tageszeit ein Rudel Rehwild, und da er sich wohl hütete, sie je zu stören, sondern immer vorsichtig hinter seinem Versteck, einem dichten Busch blieb, so konnte er sie von dort aus auch stets in ihren harmlosen Spielen beobachten und sich an ihnen freuen. Ja, er hatte sich dort sogar einen kleinen »Sperrsitz« hergerichtet, wie er es nannte, und zwar einen Platz mit weichem Moos so dick aufgepolstert, daß er wie in einem Lehnstuhl darin saß. Dabei strömte der glatte Felsen um ihn her eine wohlthuende Wärme aus und wenigstens eine Viertelstunde an jedem Tag besuchte er die Stelle und freute sich an dem Anblick des harmlosen Wildes.

Auch heute hatte er natürlich den Platz besucht, um Abschied von seinen Rehen zu nehmen – aber auch nur heimlichen, denn stören wollte er sie nicht oder gar erschrecken, und so saß er denn heute, nachdem er seinen gewöhnlichen, ärztlich befohlenen Spaziergang gemacht, auch wohl ein klein wenig länger als gewöhnlich, auf seinem Lieblingsplatz. Da scheuten die Rehe plötzlich – der Bock sicherte empor und dann verschwanden sie alle in der nächsten Dickung. Hatten sie ihn gewittert? Das war nicht gut möglich, denn er saß so vollkommen gedeckt, und der Luftzug schlug schräg über den Hang hinüber – aber es kam ihm jetzt fast selber so vor, als ob er Stimmen und Lachen in nicht zu großer Entfernung höre. Sollten wirklich Menschen in der Nähe sein?

Der Geheime Regierungsrath sprang etwas erschreckt von seinem bequemen Sitz auf, da er noch dazu nicht einmal Rücksicht mehr auf die schon entflohenen Rehe zu nehmen brauchte. Er horchte auch aufmerksam, ob er vielleicht eine genauere Richtung bestimmen könne, von welcher das Geräusch herüberschalle, aber jetzt war Alles wieder ruhig – irgend ein anderer Laut hatte ihn vielleicht getäuscht – aber weßhalb waren die Rehe da unten flüchtig geworden? Doch wer wußte, was die gewittert hatten; vielleicht einen Fuchs, vielleicht einen Holzhauer – vielleicht auch Kinder, die da unten Heidelbeeren suchten. Trotzdem wurde es Zeit, daß er sich auf den Rückweg machte; er durfte heute überdies nicht zu spät in seinem Wirthshaus eintreffen, da er noch mit der Post weiter wollte und immer noch außerdem einer kurzen Zeit bedurfte, seine Rechnung durchzusehen und zu zahlen und einen Abschiedsbesuch bei dem Förster zu machen. Ohne sich deßhalb länger aufzuhalten, warf er noch einen letzten Blick in das freundliche kleine Thal hinab und wandte sich dann direkt dem Pirschhaus wieder zu.

Dort hatte sich indessen Einiges verändert und der kleine abgeschiedene Platz lag heute nicht so still und einsam wie gewöhnlich, denn eine Berliner Picknick-Partie war an diesem Morgen auf Entdeckungsreisen in den Wald gezogen und zufällig in diesen reizenden Waldwinkel gefallen, wo denn auch augenblicklich beschlossen wurde, Halt zu machen und zu frühstücken.

Berliner sind aber nur in sehr seltenen Ausnahmsfällen blöde, und so kam es denn auch, daß sich die jungen Herren der Gesellschaft, als sie den Schlüssel der Pirschhütte im Schloß fanden, augenblicklich daran machten, das Innere derselben zu untersuchen. Einer von ihnen klopfte an, ein Anderer rief »Herein« und als so allen Formen genügt worden, betraten sie den kleinen Raum, wo ihnen dann vor allen Dingen des Geheimen Regierungsraths Garderobe auffallen mußte.

Dieser war nämlich – von Jugend auf an ein Junggesellenleben gewöhnt – sehr ordentlich und hatte also auch seine ausgezogenen Kleidungsstücke in schönster Reihe auf den Tisch gelegt; zuerst den Rock, dann die Weste, dann die Unaussprechlichen – ober und unter – und zuletzt sogar das Hemd, so daß es aussah, als ob sich da eben erst Jemand entkleidet habe, der nur in die Nebenstube in ein Bad gegangen sei. Aber das Pirschhaus hatte gar keine Nebenstube, ringsumher im Wald waren sie schon gewesen – wo um Gotteswillen befand sich also das Menschenkind, das sich hier ausgeschält und seine »irdische Hülle« dann zurückgelassen?

Die Damen zogen sich allerdings augenblicklich scheu zurück, als sie merkten, daß gar Nichts an der Garderobe fehle. Die Herren wurden aber dafür um so begieriger auf die Lösung des Räthsels und Einer stellte sogar die Vermuthung auf, daß hier ein Verbrechen vorliegen könne, und irgend ein unglückliches Menschenkind erschlagen und seiner Kleider beraubt worden sei, um nicht später durch sie erkannt zu werden, und seine Mörder dadurch in Gefahr zu bringen. Doch dem widersprachen die sorgfältig geordneten Gegenstände.

Eine Uhr fand sich freilich nicht, denn zu der hatte sich der Geheime Regierungsrath eine Tasche in seine Schwimmhose machen lassen, da er doch immer wissen mußte, wie lange er ausblieb – aber in der Westentasche stack Geld und auf dem Tisch lag neben den Sachen auch noch eine Brieftasche, eine silberne Schnupftabaksdose und eine Brille – jedenfalls also Gegenstände, die einem ältlichen Herrn gehören mußten – auch ein Regenschirm lehnte in der Ecke.

»Meine Herrschaften,« rief da der eine junge Mann, ein losgelassener Schnittwaarenhändler aus der Metropolis, »jedenfalls ist die Entdeckung, welche wir hier gemacht haben, außerordentlich und es dabei unsere verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, jede mögliche Kunde und Aufklärung darüber zu gewinnen. Ich schlage also vor, daß wir die Brieftasche untersuchen, um darin vielleicht den Namen des Unglücklichen zu erfahren, der gewiß irgendwo draußen im Walde an einer Eiche hängt, oder unter einer Buche ermordet liegt. Assessor, Sie sind ein Theil des Gerichts – ein angehender Tribunalrath – kommen Sie einmal als Zeuge her, ob wir nicht eine Briefadresse oder Visitenkarte finden.«