»Aber wo war der Eigenthümer?«

Ja, wer konnte das sagen; jedenfalls erklärten die Herren, daß sie – unmittelbar nach dem Frühstück – nähere Nachforschungen anstellen und den Wald nach allen Richtungen in der Nachbarschaft durchstreifen wollten – aber jedenfalls erst nach dem Frühstück, denn jetzt seien sie alle so ausgehungert, daß sie nicht daran denken könnten, eine derartige anstrengende Pflicht noch vorher zu übernehmen.

Dabei blieb es, und es galt nun, sich einen hübschen und passenden Platz dafür auszusuchen. Allerdings schlug der junge Schnittwaarenhändler vor, sich mitten in den Wald zu lagern, daß man Nichts sehen könne als Bäume, denn das sei so romantisch – aber er wurde überstimmt und zwar aus verschiedenen Gründen: Erstlich war die Sonne plötzlich verschwunden – leichtes Gewölk zog darüber hin, und dahinter her kam eine dicke schwarze Wolke. Plötzliche Gewitter sind auch in diesen Bergen gar nicht etwa so selten und treten dann mit nicht geringer Heftigkeit auf; deßhalb schon war es besser, sich in der Nähe der für diesen Fall sehr zweckmäßigen Hütte zu halten. Dann aber hatte man auch auf diesem Fleck und nicht mehr von der Sonne belästigt, eine ganz reizende Aussicht auf das weite Land; ringsumher standen herrliche Tannen mit einzelnen Buchen dazwischen, und vor der Hütte auf der kleinen Lichtung dehnte sich ein herrlicher, schwellender Grasteppich aus, den man sich nicht hätte besser und weicher wünschen können. Außerdem konnte man im Haus selber ein Feuer anzünden und die mitgebrachte Chocolade kochen, kurz der Platz schien wie gemacht zu einem Picknick und jubelnd und lachend ging man daran, sich vor dem kleinen Pirschhaus auszubreiten und zu lagern. Ein Paar der jungen Leute übernahm dabei das Geschäft, die Chocolade zu bereiten und kaum eine Viertelstunde später waren die mitgebrachten Lebensmittel, die der Träger in einem Korb mitführte, auf einem großen, weißen Tischtuch ausgebreitet und die kleine muntere Gesellschaft, die sich – Berlin gewohnt – hier im Walde wie im Himmel fühlte, lachte und schwatzte lustig durcheinander.

Dabei tauchte freilich immer wieder der Gedanke an den räthselhaften Fremden zwischen ihnen auf – was aus ihm geworden sei – was ihn bewogen haben könne, ohne Kleider den Platz zu verlassen und eine junge Dame warf sogar die entsetzliche Vermuthung auf, daß er am Ende gar wahnsinnig wäre und ihnen noch irgendwo im Walde begegnen könne.

Der Assessor hatte auch – späterer Beweismittel wegen – eine der Visitenkarten mitgenommen, und diese ging jetzt von Hand zu Hand. Ja den Namen des Unglücklichen besaßen sie, wo aber war dieser selber?

Gar nicht so weit – ganz in der Nähe, hinter einer kleinen Gruppe von Tannenbüschen kauerte er, und betrachtete sich in wahrer Verzweiflung die vor dem Haus gelagerte Gruppe von Herren und Damen, die ihm den Rückweg zu seinen Kleidern rettungslos abschnitten und noch keine Miene machten, den Platz in der nächsten Stunde wenigstens wieder zu verlassen.

Durch den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam gemacht, hatte er sich beeilt, von seinem Lieblingsplätzchen aus das Pirschhaus wieder zu erreichen, ehe er etwa in seinem Zustand Fremden in den Weg liefe. Aber mit jedem Schritt, den er weiter vorwärts that, wuchs der gefaßte Verdacht, daß er heute, auf seinem letzten Spaziergang, gestört werden würde, und als er die Lichtung endlich vor sich sah, und leise vorwärts kroch, um das Terrain vorher zu sondiren, fand er seine schrecklichsten Befürchtungen noch weit, weit übertroffen und das Entsetzlichste, was ihm überhaupt begegnen konnte, eine Berliner Picknick-Gesellschaft unmittelbar vor der Thür gelagert, die ihn von seinen Kleidern trennte – und was nun?

So konnte er doch nicht vor ihnen erscheinen! schon der Gedanke war furchtbar, und durfte er hier länger in seinem Versteck bleiben, wo er die ihm gestellte Zeit seines Bades schon überschritten hatte? Außerdem fing es an kühl zu werden – die Sonne schien nicht mehr und der Wind begann über die Höhe zu ziehen; er konnte ihn schon oben in den Wipfeln rauschen hören; kam aber wirklich ein Gewitter – etwas keineswegs Unmögliches – so flüchtete natürlich die ganze Gesellschaft in das Pirschhaus und was wurde dann aus ihm? Ein paar Mal reifte allerdings in ihm ein verzweifelter Entschluß, aber er wagte nicht, ihn auszuführen – noch lag die Möglichkeit vor, daß diese entsetzlichen Berliner vielleicht einen Spaziergang machten – vielleicht nur etwas weiter nach vorn auf die Rasenkuppe traten, um sich von dort die Aussicht besser betrachten zu können, und dann wäre er, wie ein Wiesel, wie eine Erscheinung, in das Haus geschlüpft, – aber nein sie rührten sich und wankten nicht und es wurde immer später.

Er überlegte, um einen andern Ausweg zu finden. Wenn er nun das Haus umging und durch das Fenster kletterte? – aber gerade heute hatte er den Laden geschlossen gehalten, der inwendig eingehakt war und nur mit großem Geräusch würde er ihn haben losbrechen können – selbst angenommen, daß er das gedurft.

Jetzt wurde die Gesellschaft davorn auch noch lustig – sie sang. Der junge Schnittwaarenhändler machte den Vorsänger und der Assessor – an zweite Stimmen gewöhnt – setzte zu dieser ein; es schadete auch nicht, daß er ein klein wenig neben hinauskam – er verschwand im Chor. Aber der Wind wehte schärfer, wenn man ihn unten auch noch nicht so stark fühlte; den geheimen Regierungsrath begann es ganz in's Geheim zu frösteln. Lange konnte er diesen Zustand auch nicht mehr ertragen – und welche Leidenschaften bewegten dabei sein Herz! Er ballte insgeheim die Faust – er bekam eine geheime Wuth auf diese Berliner – ja auf alle, obgleich die Mehrzahl vollkommen unschuldig an dieser Situation war – er hätte ihnen den Wein vergiften können – wenn sie damit nur gleich beseitigt gewesen wären. Auch die Wolken waren schwärzer geworden und jetzt – wie ein Dolchstich traf es ihn in's Herz – fühlte er einen schweren, kalten Tropfen auf seiner nackten Schulter.