»Es fängt an zu regnen!« riefen ein paar Damen, die wahrscheinlich ebenfalls die ersten Vorboten gefühlt, und sprangen in die Höhe – »wir müssen in's Haus.«

Das Schreckliche sollte geschehen, der Geheime Regierungsrath von seinen Kleidungsstücken abgeschnitten und in dem Sturm in diesem Zustand hinausgesetzt werden. Das aber ging unmöglich an, und man kann wohl mit Recht behaupten, daß in diesem Moment sein Verstand zu arbeiten aufhörte, seine Ueberlegung und Besinnung, sein Gefühl für das, was er sich und der Welt und besonders seinem Stand schulde, schwand, daß aber dafür sein menschlicher Instinkt – das Gefühl der Selbsterhaltung um so stärker wurde und hervorbrach.

Hier galt rasches und entschiedenes Handeln oder er war verloren – der eine und einzige Grundgedanke erfüllte in diesem Augenblick seine Seele, und sich hinter seinem Busch emporschnellend, und ehe noch eine der jungen Damen im Stande gewesen war, nur einen Schritt gegen das Haus zu thun, sprang er mitten zwischen die laut aufkreischende Gesellschaft hinein.

Allerdings verließ ihn, selbst in diesem furchtbaren Augenblick seine ihm angeborene Höflichkeit nicht.

»Sie entschuldigen,« sagte er, während er artig den Hut abnahm und zu allem Anderen auch noch seine Glatze zeigte; dabei schoß er aber wie ein sich nach beiden Seiten neigender Pfeil auf die Thür des Pirschhauses zu, von der er, während er sie aufstieß, den Schlüssel abzog, sie hinter sich zuschlug, den Schlüssel wieder einsteckte und herumdrehte – und jetzt war er gerettet. Er hörte allerdings hinter sich das plötzlich aufschlagende Lachen der Männer und eine feine Stimme rief – es war der boshafte Schnittwaarenhändler: »Na, wenn das ein jeheimer Regierungsrath ist, so möchte ich einmal einen öffentlichen sehen« – aber die Töne schwammen ihm in einem wilden Chaos vor den Ohren und noch nie im Leben hatte er so rasch Toilette gemacht wie heute. Er fuhr nur so in seine Kleider hinein.

Allerdings versuchten einige Herren die Thür zu öffnen und riefen: »Herr machen Sie auf! es fängt an zu regnen.« Aber er lachte nur ingrimmig in sich hinein, steckte Brieftasche, Schnupftabaksdose und Brille in die Tasche, ergriff seinen Regenschirm, hakte jetzt vorsichtig inwendig die Klappe des Fensters auf, an das er schon vorher einen Stuhl gerückt – horchte hinaus – dort war Niemand von der Gesellschaft zu bemerken – sprang dann mit einem kühnen Satz in's Freie und war auch im nächsten Moment schon spurlos im Dickicht verschwunden.

Indessen fing es wirklich an stärker zu regnen; die Damen hatten sich unter die nächsten Bäume geflüchtet, denn sie würden das Haus ja doch nicht – ja nicht um eine Million – betreten haben, in dessen Thür eben erst dieser Regierungsrath verschwunden war. Die Herren dagegen, weniger scrupulös, klopften stärker und als Einer endlich auf den glücklichen Gedanken fiel, hinten herum und an das Fenster zu laufen, um von außen hineinzusehen, fanden sie dieses offen und den Vogel ausgeflogen.

Jetzt wurde mit Jubel Besitz von dem Haus ergriffen, und selbst die Damen folgten zuletzt der Einladung, dort unter ein vollkommen schützendes Dach zu treten – schon ihrer Toiletten wegen, denn dort konnte man ruhig den Regen abwarten, der allerdings sehr heftig auftrat, aber auch nur sehr kurze Zeit dauerte. Es war eben der äußerste Streifen einer Gewitterwolke gewesen, der über sie wegzog, und während es weiter in den Bergen drin noch dunkel und schwarz lagerte und ferner Donner rollte, zeigte sich bald darauf hier schon wieder blauer Himmel und die Sonne trat heraus.

Der Geheime Regierungsrath aber, hier oben seit dem letzten Monat mit jedem Pfad und Busch bekannt, fand sich rasch wieder zurecht, und ohne sich auch nur einen Moment aufzuhalten, verfolgte er seinen Weg bergab, um sein Wirthshaus zu erreichen – und auch wieder zu verlassen, ehe diese Gesellschaft dort eintreffen konnte. Sein Wagen war ja bestellt und alles Uebrige konnte er in kurzer Zeit abmachen.

Allerdings ließ ihn die Extrapost noch etwas warten, aber den Besuch beim Förster durfte er doch nicht versäumen; er mußte ihm ja auch überdies melden, daß er vergessen habe, den Schlüssel am Pirschhaus abzuziehen und den Laden zu schließen. Er ließ deßhalb dort ein reichliches Trinkgeld für einen der Kreiser zurück, den der Forstmann noch lieber heute Abend hinaufschicken konnte, um dort Alles wieder in Ordnung zu bringen, denn im Wald, wie er meinte, schwärme es von Berlinern und die Gegend sei vollständig unsicher.