»Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff« rief Marie jetzt entschlossen — »ich will sie nicht stören — wenn sie schläft, sie nur leise küssen — nur ihre Hand wenigstens — sie braucht auch gar nicht zu wissen daß wir fortgehn, aber sehn muß ich sie noch einmal; ich habe eine Angst, der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß, ich würde nicht froh werden, hätte ich sie so ohne Abschied zurückgelassen.«
»Du bist ein Kind« sagte die Mutter freundlich, »so geh, wenn es Dir Herr Henkel erlaubt, und grüße und küsse sie von uns; aber bleib nicht lange« setzte sie rasch hinzu, »denn der Vater winkt dort schon wieder vom Land, und wir wollen indessen hinuntergehn, und uns in den Wagen setzen.«
Henkel biß sich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mädchen auch die Erlaubniß nicht weigern, und sie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was die Kranke auch nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in die Cajüte hinunter.
Clara war erwacht — sie lag, völlig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig, an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe leise öffnete, hinein sah und dem jungen Mädchen dann den Vortritt ließ.
»Clara — meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?« rief Marie auf sie zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend — »Du siehst besser aus heute Morgen, und gewiß wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell erholen, wenn Du nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte häßliche Seefahrt hat so lang gedauert.«
»Du gehst an Land?« frug Clara rasch und wie erschreckt, die Freundin mit ihrem Arm leise von sich drückend, ihren reisefertigen Anzug zu betrachten — »Du gehst fort von hier — und — und Deine Mutter auch?«
»Nein, Clara noch nicht mein Herz — wir bleiben noch kurze Zeit zusammen« erwiederte Marie, aber sie mußte sich zwingen daß sie die Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge pressen wollten.
»Wo ist Deine Mutter?« frug Clara, noch immer nicht beruhigt — »bitte sie zu mir zu kommen ich — ich möchte sie sehen.«
»Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz« antwortete das junge Mädchen ausweichend — »nachher, wenn Du wieder wohl und auf bist — ich soll Dich jetzt von ihr grüßen und küssen.«
»Weshalb kommt sie nicht selber? — sie ist fort!« rief die Kranke und suchte sich selbst emporzurichten.