»Und was ist Ihr Ziel hier, mein liebes Fräulein?« frug die Frau Professorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thränen im Auge, die Hand geschüttelt hatte, »werden Sie in New-Orleans bleiben, oder gehen Sie ebenfalls in das Innere?«
»Mein Ziel liegt weit von hier« sagte Fräulein von Seebald mit dem ihr eigenen Anflug von Schwärmerei, »weit im fernen Westen, in dem jungen Staate Arkansas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jäger das Land durchstreifen, und die Büffel und Bären fällen.«
»Nach Arkansas? — und ganz allein?« rief Anna erschreckt, »aber was um Gottes Willen zieht Sie dorthin?«
»Familienbande — die Bande des Herzens« lächelte aber Amalie, »eine liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen, der sein Vaterland nach jenen unglücklichen Kämpfen verlassen mußte, verheirathet.«
»Und wie kommen Sie dorthin?« frug die Frau Professorin.
»Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die mir der Capitain freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot den Arkansasstrom hinauf, und ihre Heimath ist nur wenig englische Meilen von dessen Ufern entfernt.«
»Das nenne ich Geschwisterliebe« sagte die Frau Professorin freundlich mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich pressend — »einen so weiten Weg allein zu gehn.«
»Nennen Sie es Eigennutz — Selbstsucht liebe mütterliche Freundin« rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus — »das prosaische Leben Deutschlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnsucht nicht länger widerstehn das freie herrliche Land selber aufzusuchen, in der die Schwester ihren Herd gebaut.«
»Und es geht ihr gut dort?«
»Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden — aber sie hat lange nicht geschrieben, und ich werde sie jetzt überraschen.«