[pg 199]»Armes, armes Kind,« sagte der Actuar, »und selbst ohne Geld in der fremden Stadt.«
»Ich geb' ihr etwas,« rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte »heh! — pst!« rufend die Straße hinab dem Mädchen nach, das stehen blieb und nach Bündel und Tuch fühlte als sie den Ruf hörte, weil sie glaubte daß sie vielleicht etwas vergessen hätte.
»Liebes Kind,« stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt, denn er konnte es nicht über's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen — »ich — ich kenne Deinen Bruder, aber — er ist jetzt nicht in Heilingen — Du — Du wirst es morgen schon hören, und im Dollingerschen Hause können sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst, das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken, ist ein Gasthaus — ein gutes anständiges Haus, wo sie Dir Quartier geben werden — da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur ich hätte Dich hingeschickt.«
»Aber bester Herr,« sagte das Mädchen bestürzt, als ihr der gutmüthige Kürschnermeister mit der Karte zwei große Stücken Geld — es waren zwei Thaler — in die Hand drückte — »ich weiß gar nicht — «
Kellmann ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen.
»Schon gut — schon gut,« rief er, drehte sich um, und kehrte, das Mädchen allein auf der Straße zurücklassend, eben [pg 200]so rasch nach dem Platz zurück, wo der Actuar noch seiner harrend stand.
»Haben Sie es ihr gesagt?« frug dieser ihn.
»Nein — um Gottes Willen nein; das mögen Andere thun, ich könnte es nicht.«
»Aber was soll jetzt aus ihr werden?«
»Ich werde mich im Löwen schon nach ihr erkundigen,« sagte Kellmann nach kurzer Ueberlegung — »und wenn es ein ordentliches Mädchen ist, hab ich Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber wie ist es denn mit der Loßenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? — man hört ja keine Sterbenssylbe mehr darüber.«