»Nichts — gar nichts weiter,« sagte der Actuar; »im Gegentheil hat der arme Teufel von Loßenwerder ein kleines Tagebuch geführt gehabt, was sich unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfältig und ordentlich, mit seinen höchst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gültig angenommen — und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da es fast zwölf Jahre zurückführt — wäre im Gegentheil der Beweis geliefert daß die aufgefundenen zweihundert Thaler mühsam und redlich gespartes Geld gewesen wären.«

»Und kein anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?«

[pg 201]»Keiner, als daß er im Hause war und sich auffällig heimlich daraus entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklärung. Nach einer Zahl vieler höchst mittelmäßiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in denen sich besonders viel Gemüth ausspricht, scheint der arme verwachsene und hülflose Mensch eine Art von — Liebe — ich kann es nicht anders nennen, gegen Dollinger's jüngste Tochter und Henkel's Braut in seinem unschönen Körper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blättern anvertraut zu haben — doch das unter uns. Diese unglückselige und hoffnungslose Neigung kann ihn möglicher Weise dazu getrieben haben, dem jungen Mädchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken — er hat sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt berührt, und worin er sich glücklich fühlt daß sie eine Blume pflegen könnte die er gezogen, wenn sie auch nicht wüßte von wem sie käme. Daß er unter solchen Umständen nicht wollte im Hause gesehen sein läßt sich denken, und ein Diebstahl in ihrem eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenüber, an Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmöglichkeit gehörte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer Verführung erlegen.«

»Hm, hm, hm,« sagte Kellmann vor sich hin — »das ist ja eine rechte, rechte böse Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar unschuldig in sein Verderben gesprungen.«

[pg 202]»Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht hat,« sagte der Actuar, »denn ich kann den Gedanken nicht los werden, welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Unglücklichen dahin zu treiben — obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er unschuldig, hätte sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt.«

»Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben für Nichts,« sagte Kellmann finster — »aber wenn das sein erspartes, und Gott weiß dann wie mühsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht können vorenthalten werden.«

»Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen,« sagte der Actuar, »aber ich glaube auch nicht daß irgend Jemand anders einen Anspruch darauf wird geltend machen können. Diese Schwester erwähnte er überhaupt mehrmals in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann unterstützt, das Geld wird ihr später allerdings zugesprochen werden.«

»Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem möglichen, von dem wirklichen Dieb?«

»Keine — die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht größere Ausgaben als gewöhnlich mache, oder sich durch irgend etwas anderes verrathen würde; ja die Leute haben untereinander fast eben so scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwälzen [pg 203]und den Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine böse Sache, und wenn der Dieb die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich hält, und dann vielleicht noch gar außer Landes schafft, wer soll ihn da aufspüren? allwissend sind wir auch nicht.«

»Das weiß Gott,« sagte Kellmann — »wie damals mit der Pelzdecke, die mir Jemand von der Ladenthür weggestohlen, und die ich zwei Jahr später ganz gemüthlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube wiederfand; da hört denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt nicht wie spaßen zu Muth; der Anblick des armen Mädchens hat einen wehmüthigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch für Elend auf der Welt giebt, und still und bewußtlos gehen wir meist daran vorüber.«