»Und die Musik da drinnen, während das arme Kind dort allein und freundlos seine Straße geht, und trotzdem jetzt noch glücklich ist gegen den Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren muß. Mich leidet's heute nicht länger hier draußen, Kellmann,« brach er kurz ab — »ich mag die Tanzmusik nicht hören — wollen wir zurück in die Stadt gehn? es ist überdies schon spät.«

»Ich habe Nichts dagegen,« sagte Kellmann, tief aufseufzend — »mir ist der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen.«

»Da drin ist wohl Prügelei?« sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder Lärm zu ihnen heraus tönte.

[pg 204]»Das wäre früh,« meinte Kellmann — »die kommt gewöhnlich sonst erst später, oder ganz zum Schluß. Es ist doch sonderbar, daß ein deutscher »Tanz« nie ohne eine Schlägerei enden kann; es scheint auch ungefähr dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur daß sich die jungen Mädchen nicht dabei betheiligen — höchstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren zu schützen, und die Verwirrung womöglich noch größer zu machen — hallo aber das kommt hier heraus.«

»Sie werden Jemanden hinauswerfen,« sagte der Actuar ruhig — »lassen Sie uns an die Seite treten daß wir nicht in das Gewirr gerathen.«

Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flüche einer, ihnen keineswegs unbekannten Stimme tönten, wälzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Händen und Füßen, wenn auch umsonst, gegen solche unwürdige Behandlung sträubte, und in dem die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel erkannten.

»Laßt mich los!« schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten Flüchen und Schimpfreden — »laßt mich los oder ich rufe die Polizei — Hülfe! — Mörder! Feuer!«

»Brüll nur mein Herzchen!« sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankämpfenden wie in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt — »Dich könnten wir hier brauchen, die Leute heimlich beschwatzen daß sie Hof und Dienst verlassen [pg 205]und nach Amerika liefen — ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor die Fäuste.«

»Halt da — Hohmeier! laßt ihn los!« rief aber in diesem Augenblick eine andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefährdeten zu Hülfe zu eilen schien — »der hier — Homeier — der hier ist mein Freund — mein ganz intimer Freund und den laß ich mir — Homeier, den laß ich mir nicht aus dem Hause werfen.«

Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die Seeleute nennen, »halb im Wind«, mit schwerer Zunge und schon etwas taumelndem Gang, daß sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut verkennen ließ. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den Händen derer die ihn gefaßt hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen wäre, und sagte ruhig: