»Geht zu Bett Lobsich, das wär' Euch viel besser heut Abend, aber mischt Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kümmern.«

»Nichts kümmern?« rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit großen stieren Augen ansah — »nichts kümmern Hohmeier? — oh Hohmeier wem gehört denn dies Haus, heh? — nichts kümmern? wem gehört denn der rothe Drache, heh, Hohmeier.«

Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen wachsenden Akazienbäu[pg 206]men durchtragen wollten als dieser, solche letzte Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, daß sie ihn nicht hindurchbringen konnten, während er von Neuem sein »Hülfe! Mörder! Feuer!« aus voller Kehle schrie.

»Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte!« sagte Herr Schollfeld, der ein höchst vergnügter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines schwächlichen Körpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem Richteramt unterstützten, ließen sich das auch nicht zweimal sagen, und der wüthend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.

»Heh Hohmeier!« schrie aber Lobsich, der sich indeß durch die im Garten stehenden Stühle und Tische wieder nach vorn gedrängt hatte den Mann frei zu machen, von dem er sich plötzlich einbildete daß er sein Freund sei, »laßt mir den Menschen los, sag ich Euch Hohmeier — Donnerwetter ich will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat. Ihr oder ich — Hohmeier. Es ist mir doch was Unbedeutendes!« Er schien sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen, und das viele Getränk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fuß in einer dort stehenden Fußbank hängen, und schlug der Länge lang in den Garten, während die Knechte den jetzt wüthend um sich schlagenden Agenten rasch aufgriffen und, lachend [pg 207]über des Wirthes Unfall, aus der Gartenthür auf die Straße warfen.

Ein furchtbarer Lärm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und erzählten sich untereinander wie der »Auswanderungsmann« einen Schaafknecht vom Gut hätte bereden wollen als »Schaafmeister« nach Amerika auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt wäre, und der »Auswanderungsmann« stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wüthete, bis einer der Knechte das Schloß wieder aufdrückte und hinaus und ihm nach wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.

Drinnen im Saal tönte die Musik aber wieder rauschender als vorher, und die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht länger im Garten versäumen. Während die aber wieder in den Saal drängten, Tänzerinnen zu bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurück nach der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thüre er trat, und nach der Straße hinaus mit lauter und immer ärgerlicher werdender Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurück holen, um ihm jetzt ernstlich beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.

Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht zurechnungsfähigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und [pg 208]dann unbelästigt den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes wohl im Haus gehört, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne daß er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.

»Lobsich — Vater — komm sei vernünftig, laß das Schreien und Toben hier auf der Landstraße und geh zu Bette — thu mir's zu Liebe Lobsich, wenn ich Dich darum bitte.«

»Laßmchfrieden,« stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und suchte sie von sich abzuschütteln — »laß mchfrieden sag ich — Dnrrwttrrr — ich weiß — ich weiß was ich ss — se thun habe — «