Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr, lächelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:
»Ich wollte aber nicht gern, daß mich Jemand Anders unterstützen sollte, weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und habe mir kümmerlich, aber ehrlich und fleißig durchgeholfen. Jetzt habe ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stück Rindvieh, und dreißig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich habe hart arbeiten müssen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier herüber kommst und willst mich aufsuchen, daß ich Dir mit Rath und That an die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, daß Du nicht durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen hier, kein Fluch wie für manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es grüßt Dich zehntausend Mal Dein Caspar Lauber — Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin.«
»Und auf den Brief wollt Ihr auswandern?« rief aber auch Kellmann jetzt erstaunt — »Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so plötzlich in die Glieder geschlagen, daß Ihr die Seekrankheit für das einzige Mittel haltet die es curiren könnte?«
Mathes schüttelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, fal[pg 042]tete den Brief zusammen, den er zurück in seine Tasche schob, und sagte mit fester und entschlossener Stimme:
»Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum Ausbruch gebracht.«
»Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im Land,« rief jetzt auch Lobsich, während der Apotheker das ihm eben gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergoß, wie um seinen Ingrimm damit nieder zu spülen — »wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn noch da bleiben?«
»Ich bliebe auch,« sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme, »ich bliebe auch, wenn mich mein Vater ließe, aber — der will nicht in die Heirath willigen mit Roßner's Käthchen, des Häuslers Tochter aus Rodnach; hier hält er mich dabei unter dem Daumen mit seinem Gut und Geld, und das Mädchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort drüben aber ist ein Platz, wo fleißige Menschen auch durchkommen können mit Gottes Hülfe ohne Geld, ohne Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts wie er hinüberging; nicht das Hemd auf seinem Rücken war sein, und ich weiß daß er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem Land, Haus und Vieh, und was der kann — schwere Noth noch einmal — das kann ich auch. Ich gehe hinüber, nehme das Käthchen mit — Geld zur Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den halben Werth verkaufen sollte, [pg 043]und dort hilft der liebe Gott schon weiter. Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die Nase reiben zu lassen, »das sollst Du thun und das nicht, und die sollst Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und Dich glücklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen — weil ihr eben nur der volle Geldsack fehlt.«
»Unsinn!« sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend — »wenn Jemand einmal rein verrückt geworden ist, läßt sich auch nicht mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?«
»Ja, gleich,« erwiederte der Gefragte — »weiß denn aber schon Euer Vater um den Plan, Mathes?«
»Heute hab' ich's ihm gesagt,« erwiederte der Gefragte leise — »aber er glaubt es noch nicht.«