»Es muß doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt war,« sagte der Polizeidiener — »nach dem wenigstens, was ich bis jetzt von den Dienstleuten darüber gehört habe, kann's nicht gut anders sein.«

»Nun wir werden ja sehn; da muß ich aber erst — «

»Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle [pg 052]bemühen wollen,« sagte jedoch der Diener des Gerichts, »alles Nöthige ist schon dorthin geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen.«

Der Actuar, dem Dienste natürlich Folge leistend, seufzte tief auf und schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten mußte, rasch die »Poststraße« hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen, etwaige Spuren des Uebelthäters zu entdecken und zu verfolgen, und die Leute im Hause nach möglichem Verdachte zu inquiriren.

* * * * *

Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und ruhig und wie am Schnürchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest bestimmte Beschäftigung hatte, genau wußte was ihm oblag, und das that, ohne eben viel Lärm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute alles durcheinander, und sämmtliche Bande der Ordnung schienen gelöst.

Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krämpfen in ihrem Boudoir, und beanspruchte die Hülfe ihrer beiden Töchter und der weiblichen Dienstboten im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den Rücken gekreuzten Armen auf und ab, während dem jungen[pg 053] Henkel indessen die Bewachung des Platzes selber übertragen war, und die andern Dienstboten, mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden und kopfschüttelnd, die Hände ein über das andere Mal in Verwunderung zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschäftigungen jedes Einzelnen auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte That geschehen und vollbracht sein mußte.

Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde übrigens willig und dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe — »Ne Du meine Güte« und »Ne so was« ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thüre vor der Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur zu räumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und könne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen; solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.

Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo der Diebstahl verübt worden, hinzuführen; einer der Leute war indessen abgeschickt Hrn. Dollinger [pg 054]selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den Actuar freundlich grüßend.

Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezündet worden.