»Also sie weigert eine Scheidung?«

»Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein derartiges Wort erwähne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott weiß was Alles, und — ich glaube sie bekam nachher Krämpfe — ihr altes Leiden. Erst hatte ich gehofft der Tod des Kindes würde sie milder stimmen, aber nein, und wenn mich etwas über den Verlust des kleinen lieben Wesens trösten könnte, so ist es gerade der Gedanke, es dem bösen Beispiel, das ihm die eigene Mutter täglich gab, entrissen zu sehn — was hätte zuletzt aus ihr werden sollen, als eben eine solche Frau.«

»Und so ist gar keine Hoffnung, mit Güte durchzukommen? — «

Der Actuar schüttelte schweigend mit dem Kopf.

»Hm, das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Kellmann, »da — da weiß ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber — wenn die Sache so steht — meinem Schwager auch nicht an, soviel ist sicher — Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig.«

Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Männer gingen wieder eine Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nebeneinander hin. Sie waren indeß die Straße [pg 195]ein Stück hinauf- und wieder zurückgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang des Gartens stehn, den Rücken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade über die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Mädchen, noch ein Kind fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen Bündel in der linken Hand, und einem großen dunklen Tuch über dem rechten Arm, die Straße herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorüberging. So viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur ärmlich gekleidet, und auch wohl ermüdet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schweiß von der Stirn.

Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden, hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Männern, die sie im Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Tönen zu lauschen die aus dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus wild und lustig heraustönten.

»Fröhliche Menschen,« flüsterte sie dabei — »Glückliche;« wie sie aber den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen Schatten unter der Mauer, und wie unwillkürlich fuhr sie zurück; dabei glitt ihr das Bündel aus der Hand und fiel zu Boden.

»Wir thun Dir Nichts, Kind,« sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen hatte, gutmüthig; »wo willst Du denn noch so spät hin?«

[pg 196]»Nach Heilingen,« antwortete das fremde Mädchen, ihr Bündel wieder aufnehmend — »ist es noch weit bis dorthin?«