»Eine halbe Stunde etwa, wenn Du rüstig zugingst; aber Du scheinst müde zu sein und wirst wohl länger brauchen.«
»Ich komme weit her,« sagte die Fremde, aber sie zögerte dabei und es war als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und sich auch wieder scheue es zu thun.
»Du bist wohl hungrig, Kind?« frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn zu helfen drängte, wo das in seinen Kräften stand — »sag's gerad' heraus; und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was.«
Das Mädchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbiß holen — sie könne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten ging er darauf rasch in's Haus, und das Mädchen zögerte noch einen Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermüdet, der freundlichen Einladung.
»Du kommst weit her?« sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, viel auf die Fremde zu achten.
»Von Erfurt.«
[pg 197]»Von Erfurt? hm — das ist eine lange Strecke; zu Fuß den ganzen Weg?«
»Ja.«
»Und willst in Heilingen bleiben?«
»Ich weiß es noch nicht.«