»Hast Du Verwandte dort?«
»Einen Bruder.«
»Hast Du denn einen Paß bei Dir?«
»Ja,« sagte das Mädchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager, ihr kleines Bündel vor, das sie Miene machte aufzuknüpfen, der Actuar aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:
»Nein nein — laß nur sein — ich will ihn nicht sehen — ich frug nur Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kämest. Da ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen — nun laß Dir's schmecken.«
»Da,« sagte der kleine Kürschner, der schnellen Schrittes mit einem großen gestrichenen Weißbrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der Fremden reichte — »das wird Dir gut thun.«
Das junge Mädchen nahm das Glas mit schüchternem Danke an und trank — erst ein wenig, dann aber herzhafter — sie mochte wohl recht durstig gewesen sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurück und nahm ihr Bündel wieder auf.
»Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal,« sagte sie dabei mit weicher, ergriffener Stimme — »ich hatte [pg 198]seit heute Morgen Nichts gegessen und war recht matt geworden.«
»Armes Kind,« sagte Kellmann mitleidig — »aber hast Du denn schon einen Platz in der Stadt wo Du übernachtest?«
»Ja,« sagte die Kleine — »ich denke so — können Sie mir aber wohl noch sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit in der Stadt drin?«