»Aber wo bekommen Sie Manuscript her Ihre Spalten zu füllen« rief Theobald erstaunt aus, »wenn Sie kein Honorar dafür bezahlen — Sie können doch nicht Alles selber schreiben?«

»Um Gottes Willen — nein!« rief Herr Rosengarten, »das wäre ich allerdings nicht im Stande, schon des Zeitverlustes wegen; aber wir helfen uns da vortrefflich mit, vor längerer Zeit in Europa gedruckten Sachen. So hat mir im vorigen Frühjahr ein Freund von dort vier oder fünf alte Jahrgänge der Didaskalia geschickt, in denen allerliebste kleine Erzählungen und Gedichte stehn — unsere Leser sind ordentlich versessen darauf. Die drucken wir so eine nach der anderen ab, und füllen damit aus, was die politischen Nachrichten der Grenzboten, der Kölnischen Allgemeinen und Weserzeitung, die wir nun leider einmal halten müssen, an Raum gelassen haben.«

»Aber bester Herr Rosengarten!« rief Theobald, der bei so bewandten Umständen doch einsah daß er hier auf keine Einnahme rechnen konnte, und in einer Art von Verzweiflung sich das letzte Bret unter den Füßen fortgehen fühlte — »Sie nehmen mir das nicht übel, aber das ist ja doch eigentlich, nach unseren deutschen Begriffen wenigstens, ein reines Plünderungssystem, das Sie hier befolgen, ein reiner Nachdruck, eine mechanische Vervielfältigung schon vorhandener Sachen, worauf Sie ja von den respectiven Zeitungen verklagt werden könnten.«

»Hier in Amerika? nein« lächelte Herr Rosengarten gutmüthig »das nicht — nicht einmal verklagt, einen ungünstigen Ausfall eines solchen Processes ganz abgerechnet, denn für deutsches literarisches Eigenthum besteht hier nicht der geringste Schutz, und kein Amerikanischer Gerichtshof würde selbst nur eine solche Klage annehmen.«

»Das ist allerdings eine Freiheit« flüsterte Theobald, »auf die ich nicht ganz vorbereitet war; aber — nicht wahr es ist noch eine deutsche Zeitung in New-Orleans.«

»Allerdings« sagte Herr Rosengarten mit einem eigenen Lächeln, das allerlei bedeuten konnte — »allerdings existirt hier noch ein Blatt das mit deutschem Druck herauskommt, nach einem nur oberflächlichen Vergleich würden Sie aber bald finden, daß es sich mit der Biene nicht messen kann.«

»Und seine Expedition? — können Sie mir die vielleicht angeben?«

»O warum nicht« sagte Rosengarten, nach dieser Bemerkung jedenfalls fest entschlossen das Gespräch sobald als möglich abzubrechen — »Sie können nicht fehlen — Ecke von Fulton und Renaissance-Straße — großes Schild über der Thür wie für eine Wirthschaft — hier Ihr Manuscript Herr Theobald — war mir ungemein angenehm Ihre werthe Bekanntschaft gemacht zu haben.«

Theobald drückte sein Manuscript unter den Arm, machte eine stumme Verbeugung, und befand sich wenige Augenblicke später wieder vor der Thür der Officin auf der Straße. Diese sah er eben unschlüssig hinauf und hinunter, welchen Weg er von hier aus einzuschlagen hätte, als ein Fremder, in einem blauen Überrock, und mit einer eben solchen Tuchmütze auf, mit einem vollen, aber etwas krankhaften fleckigen Bart, die Straße herunterkommend an ihm vorbeiging, stehn blieb, ihn ansah, und dann wieder zurück und auf ihn zukam.

»Sie sind ein Deutscher« redete er den jungen Mann, der ihn etwas verblüfft betrachtete, an, »nicht wahr ich habe recht?«