»Werft uns ein Tau herunter, daß wir an Bord kommen können« rief es wieder, mehr wie Befehl als Bitte klingend.
Die nöthige Ordre dazu wurde gegeben, und die Mannschaft, von den Passagieren jetzt dicht umdrängt, von den Matrosen aber keines Blickes gewürdigt, kletterte an Bord.
Der Unteroffizier, mit zwei Polizeidienern, ging jetzt, die Leute zurücklassend, nach dem Quarterdeck hinüber, wo der Capitain, die Hände in den Taschen, stand, übergaben dort ihre Legitimation, daß sie beauftragt seien das Schiff nach einem Deserteur zu durchsuchen, und forderten dem Capitain[pg 099] die Passagierliste ab, die einzelnen Passagiere dann selbst zu revidiren.
Capitain Siebelt wußte recht gut daß er sich dem nicht weigern konnte; so wenig sich aber Matrosen, und Seeleute überhaupt, aus einem Soldaten machen, so sehr interessiren sie sich für einen Deserteur, dem gewiß jeder Matrose, wenn es nur irgend in seinen Kräften steht, Vorschub leisten wird. Der Capitain ging indessen langsam in die Cajüte zurück, holte die Liste und gab sie dem Bevollmächtigten, seinem Steuermann zugleich die Weisung ertheilend »die Herren gewähren zu lassen und sämmtliche Zwischendeckspassagiere an Deck zu schicken.« Das war bald geschehn, zwei von den Soldaten besetzten indessen die Luken, und während der Polizeisergeant oben die Passagiere nach Namen aufrief, und die Aufgerufenen an sich vorbei defiliren ließ, untersuchten zwei Andere unten die verschiedenen Coyen, und stöberten überall herum wo sich nur irgend ein Kind hätte verstecken können. Zwei Andere wurden zu gleicher Zeit vorn in das Logis zu den Leuten geschickt, die jetzt ebenfalls an Deck mustern mußten, während diese bei ihnen unten visitirten.
Aber auch selbst da ergab sich Nichts und die, bis dahin abgesperrte Cajüte, wurde nun ebenfalls rücksichtslos von oben bis unten untersucht; ja der Steuermann mußte, auf Verlangen des Sergeanten, den unteren Raum öffnen, und dieser kroch selber, hier aber von dem Untersteuermann gefolgt, der darauf sehen sollte daß kein Unglück mit dem Licht geschähe, in das fast vollgestaute untere Deck. Zwischen den Kisten [pg 100]und Fässern aber, die auch fast überall dicht zusammen lagen, und in der heißen schwülen Atmosphäre konnte er mit seiner enganschließenden Uniform und dem Seitengewehr, das überall hängen blieb, nicht lange aushalten. Nach einer halben Stunde etwa kehrte er in Schweiß gebadet und unverrichteter Sache an Deck zurück, und schlug eine Einladung des Untersteuermanns aus, der ihm anbot auch noch durch die vordere Luke eine ähnliche Promenade zu machen.
Der andere Polizeibeamte hatte indeß die Vorrathskammern und verschiedenen »Spintges« mit nicht besserem Erfolg, durchsucht, und an Deck zurückgekehrt wandten sich die Beamten noch einmal an den Steuermann und verlangten von diesem die »Auslieferung des Verbrechers« der sich jedenfalls an Bord befinden müsse. Der Steuermann behauptete aber noch keine Schiffsliste überliefert bekommen zu haben, da er zu viel mit dem Schiffe selber zu thun gehabt, sich auch nur im Mindesten um die Passagiere zu kümmern, und der Capitain wurde grob als sie von ihm noch weitere Auskunft forderten.
»Da sei die Liste und da die Passagiere« sagte er, »das ganze Schiff hätte er ihnen ebenfalls zur Verfügung gestellt, ob sie nun etwa noch von ihm verlangten daß er selber mit herumkriechen solle, oder ob er dazu da sei sich nach den Familien- oder staatlichen Verhältnissen der Leute zu bekümmern, die er einfach überliefert bekommen habe sicher und wohlbehalten nach Amerika hinüber zu schaffen?«
Er war darin in seinem vollen Recht, die Liste ebenfalls vollständig und in Ordnung: Keiner der darauf Angegebenen fehlte, aber auf keinen von diesen paßte auch das Signalement, und die Polizei, mit ihrer Militairunterstützung sah sich endlich wieder genöthigt das Schiff, wie sie gekommen, zu verlassen.