»Sehn Sie daß ich recht habe?« rief er, rasch und heftig dabei mit dem Kopf nickend — »sehn Sie daß wir Menschen, selbst ohne es zu verstehen, uns dessen bewußt geblieben sind was wir einst gewesen, und dessen Grundzüge selbst eine vollkommene Umwandlung unserer ganzen Gestalt, unseres ganzen Seins, nicht im Stande war vollständig zu vertilgen?«
»Aber kann das nicht zufällig entstanden sein?« sagte Fräulein von Seebald, von dem ernsten Wesen des kleinen Mannes zwar eigenthümlich ergriffen, sich aber dennoch gegen solche Theorie auch unwillkürlich sträubend — »ja finden wir nicht auch Aehnlichkeiten manchmal zwischen vierfüßigen Thieren und Menschen? — frappante Aehnlichkeiten, die ja dann auch eben zu solcher Schlußfolgerung nach dorthin uns berechtigen müßten?«
»Sie berühren da allerdings ein Thema« sagte der kleine[pg 138] Cigarrenfabrikant mit ernster Miene, »das mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht hat; aber ich glaube Ihnen auch selbst das widerlegen zu können. Der Mensch ist, wie die Gelehrten behaupten, das vollkommenste lebendige Wesen der Schöpfung durch seinen Geist, aber nicht durch seinen Körper.«
»Nicht durch seinen Körper?« rief aber hier auch Theobald erstaunt aus — »Ihr System reißt Sie hin, mein guter Herr Schultze, denn welches Wesen der Schöpfung könnten Sie ihm selbst in körperlicher Hinsicht wohl vergleichen?«
»Viele — sehr viele, mein guter Doktor« sagte aber der kleine Mann, keineswegs durch den Einwurf beirrt; »das Pferd ist stärker und schneller, das Wild hat schärfere Geruchssinne, schärfere Seh-, schärfere Gehörwerkzeuge — der Mensch ist auf den festen Grund und Boden, und zwar auf dessen Oberfläche angewiesen, einzelne Thiere dagegen bewegen sich auf dem Lande sowohl mit Leichtigkeit, wie in der Luft als auf dem Wasser. Das Vorzüglichste von allen ist z. B. die Ente, die nicht allein vortrefflich taucht und schwimmt, sondern auch ausgezeichnet fliegt, und ziemlich rasch auf festem Boden vorwärts schreitet. Auch ein hülfloseres Geschöpf giebt es nicht auf dem weiten Erdball als ein Kind, während die Thiere, mit nur wenigen Ausnahmen, sehr kurze Zeit nach ihrer Geburt fast, schon den Gebrauch ihrer sämmtlichen Glieder erlangt haben. Gleichwohl nennen wir uns die Herren der Schöpfung, und kriechen noch mit dem Fallhut herum, während der Habicht schon in gleichem Alter auf seine Beute [pg 139]aus hoher Luft herniederstößt, und der Tiger in seinem Dickicht dem Büffel und Hirsch auflauert.«
»Das hat Alles viel für sich« sagte Theobald achselzuckend — »aber damit werfen Sie ja schon einmal vor allen Dingen die ganze biblische Geschichte über den Haufen.«
»Das thut mir sehr leid um die biblische Geschichte« sagte Herr Schultze, »aber ich kann ihr nicht helfen, denn gerade das Einzige, womit wir wirklich der Thierwelt überlegen sind, und was also den ersten Fortschritt auch bildet zwischen ihr und uns, ist unser Geist, und der selber, mit seiner Schwester, der Erinnerung, mahnt uns an die vergangene Zeit und läßt uns nicht irren.«
»Ich verstehe Sie nicht« sagte Fräulein von Seebald.
»Ich werde mich deutlicher ausdrücken« erwiederte der kleine Cigarrenfabrikant. Ist es Ihnen, mein verehrtes Fräulein, noch nie vorgekommen, daß Sie in der Nacht geträumt haben Sie flögen, oder wollten fliegen?«
»Oh wie oft!« rief Fräulein von Seebald rasch — »unzählige Male schon, und wie lebhaft dabei.«