»Und nachher ist es einem immer als wenn man von irgend einem alten Kirchthurme herunterfällt, der Einem unter den Füßen fortgeht,« sagte Theobald; »ich muß gestehn daß ich in der That die Angst habe Jemand, der eine recht lebhafte Einbildung hat, könnte sich nur allein dadurch wirklich einmal den Hals brechen.«

Herr Schultze rieb sich in aller Freude über die Anerkennung seines Hauptschlusses die Hände, Fräulein von Seebald [pg 140]aber, die sich leicht und gern solch neuen Eindrücken hingab, und alles Andere darüber vergaß, sagte, freilich immer noch nicht überzeugt, kopfschüttelnd.

»Aber ich begreife nur nicht wie Sie dadurch Ihre Behauptung beweisen oder auch nur daraus herleiten wollen; ein Traum ist ein Traum.«

»So?« sagte aber Herr Schultze, plötzlich wieder ernster werdend und fast ein wenig piquirt — »warum träumen wir denn da nie daß wir wie die Fische im Wasser schwimmen und untertauchen, oder wie das Wild draußen im Wald herumlaufen? warum fliegen wir nur im Traum? — weil unserem Geist, wenn der Schlaf den Körper in Ruhe gelegt und ihn dadurch gewissermaßen von der störenden Außenwelt entfernt hat, allein in seinen Erinnerungen leben kann, und die führen ihn zu dem zurück was er war. Sie werden glauben ich gehe zu weit, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, verehrtes Fräulein, daß ich neulich geträumt habe ich wäre in der Mauser.«

Fräulein von Seebald und Theobald lachten gerade heraus, der Gedanke war ihnen zu komisch, aber der kleine Mann fuhr, mit dem Kopfe nickend, ganz ernsthaft und ohne sich irre machen zu lassen, fort.

»Ja lachen Sie nur, lachen Sie nur; wir lachen über Manches das uns später als nackte Wahrheit ganz entschieden in's Leben tritt. Wir lernen täglich; der Mensch lernt nie aus, und in früheren Zeiten sind Menschen für das als Hexen und Teufelsbündner verbrannt worden, was jetzt zu alltäg[pg 141]licher Wahrheit geworden ist, und von Niemandem mehr bezweifelt werden kann. Ich brauche Ihnen dafür keine Beispiele aufzuführen.«

»Haben Sie einen Blick dafür« frug Fräulein von Seebald jetzt den kleinen Mann, von einem neuen Gedanken ergriffen, »die Aehnlichkeit zwischen Menschen und Vögeln oder anderen Thieren herauszufinden?«

»Wenn ein Jahre langes, unausgesetztes fleißiges Studium dazu berechtigt, ja!« sagte Herr Schultze mit inniger Ueberzeugung.

»Gut — welchem Thier — oder wenn Sie so wollen, welchem Vogel gleich ich dann?« frug die Dame, und hielt dabei die flache Hand vor ihren Mund, daß nur der obere Theil ihres Gesichts, und zwar im Profil, sichtbar blieb.

»Eben so entschieden« erwiederte der kleine Cigarrenfabrikant nach kurzem forschenden Blick, »wie Herr Theobald hier einem Habicht gleicht, gleichen Sie der Lerche